Wie ich Fußball gucke | lauthals

Wie ich Fußball gucke

Ich habe eigentlich keinen Schimmer von Fußball. Böse Zungen werden diesen Satz zitieren und entgegnen, dass dies der Grund sei, aus dem ich Leverkusen-Fan bin. Aber so meine ich das nicht. Ich meine das ungefähr so, wie Maricius von Hamburg Schwarz-Gelb es vor geraumer Zeit beschrieben hat. Bei mir ist es zugegebenermaßen nicht ganz so extrem, wie er es schildert. Aber was jetzt genau passiert, wenn Kießling als hängende Spitze spielt, statt als echte, also, welche taktischen Auswirkungen das hat, das weiß ich nicht. Klar, Kies spielt dann etwas weiter hinten, kommt dadurch schneller an die Bälle oder “holt sie sich gar selbst aus dem Mittelfeld”™. Dafür fehlt er dann möglicherweise vorne. Logisch. Aber wodurch diese hängende Spitze ihren Namen verdient, ist mir ein Rätsel.

Für mich ist das alles einfach nur der “Sturm”. Und der “Sturm-Bereich” (das ist jetzt kein Fachausdruck, ich weiß), das ist irgendwie ein vielleicht 700-800m² (das kommt einem jetzt verdammt groß vor, nech?)  großes Areal irgendwo am gegnerischen Strafraum bis knapp davor. Ob die Stürmer da jetzt nach rechts, links, hinten oder vorne laufen, springen, einen Handstand machen oder sich verbuddeln, interessiert mich nicht. Oder na ja: interessieren tut es mich vielleicht schon, aber ich bekomme es nicht mit. Ich sehe natürlich – in der Zeitlupe, vielleicht auch erst in der zweiten -, wenn der Depp¹ mal wieder den “Freien Raum”™ übersehen hat, aus welchem er ganz bequem den Ball hätte annehmen und in einer Manier hätte abschließen können, derer selbst ich fähig gewesen wäre – also unplatziert, lasch und mit einer unvorhersehbaren Höhe. Aber das hat ja rein gar nichts mit taktischem Verständnis zu tun.

Um den Bogen zurück zur hängenden Spitze zu schlagen: Wenn der Stürmer der Meinung ist, er bekommt zu wenig Bälle, dann soll er sich halt etwas zurückfallen lassen. Meinetwegen darf er sich – oder der Trainer ihn – dann auch hängende Spitze nennen. Warum er dann Sekunden später, nachdem er den erarbeiteten Ball auf die verbliebene(n) Sturmspitze gepasst hat und folgerichtig (oder nicht?) mit ins Sturmzentrum gelaufen ist, immer noch eine hängende Spitze sein soll ist mir schleierhaft. Oder ist er das dann nicht mehr?

Wem noch immer nicht klar geworden ist, was ich meine, wenn ich sage, dass ich keinen Schimmer von Fußball habe – vielleicht weil ich bisher rein zufällig eine professionelle und präzise Beschreibung der taktischen Position “hängende Spitze” geliefert habe -, dem sei es an einem weiteren Beispiel erläutert.

Michael Ballack soll bei uns künftig wieder offensiver spielen, als er es zuletzt bei Chelsea tat. Ob das heißt, dass wir von nun an mit Raute spielen und Ballack als ZM oder OM agiert, oder ob er als DM genau so spielen soll wie sein Nebenmann, bloß etwas offensiver (ich tippe ja auf Letzteres), das weiß ich nicht. Und was der genaue Unterschied wäre, weiß ich auch nicht. Das bedeutet nicht, dass ich keine Taktiktafel von erwähnten Varianten zeichnen könnte. Es bedeutet nur, dass ich, wenn ich so eine Tafel anfertigen würde, nicht wüsste, was ich da eigentlich tue. Das wäre dann nicht ganz so, als würde ich jetzt aus einer göttlichen Eingebung heraus anfangen arabisch zu schreiben, aber es wäre so, als würde ich anfangen, Französisch zu schreiben. Von Zweiterem sind aus der Schule immerhin ein paar Brocken übrig geblieben. Mais ce n’ est pas beaucoup. Oder so ähnlich.

Worauf ich hinaus will: Sowas wie das hier, das hier oder jenes von nebenan¹, das bekomme ich nicht hin. Nicht nur, dass ich Spiele nicht selbst so analysieren könnte – es ist sogar so, dass ich nach der Lektüre solcher Analysen nicht zuverlässig sagen könnte, ob es stimmt, was da steht oder nicht. Ich finde es trotzdem beeindruckend, wie jemand auf solche Weise Fußball gucken kann, obwohl er es nicht muss, da er weder Trainer noch Kommentator ist. Da steckt keine Ironie, keine Häme, kein Sarkasmus in meinen Worten:  Ich würde das auch gerne können und bin ein bisschen neidisch auf diese Fähigkeit. Es gibt Texte – da bereue ich es, sie nicht gebookmarked zu haben -, die lesen sich, als würde ein Weinkenner über einen guten (oder einen schlechten) Wein schreiben. Ich verstehe das dann zwar nicht alles, aber es fasziniert mich.

Ich habe das schon unzählige Male versucht. Immer wieder nehme ich mir vor, ein Spiel nicht nur zu sehen (und, nicht zu vergessen, zu genießen), sondern auch zu studieren. Ich will darauf achten, welcher Spieler in welcher Situation zu welchem anderen Spieler passt. Welcher Spieler wann seine Position offensiver oder defensiver interpretiert als zu Beginn des Spiels. Das funktioniert auch meistens ganz ordentlich. Für fünf Minuten. Irgendwann ist das weg, meistens ergreift mich das Spiel dann, insbesondere, versteht sich, wenn ich im Stadion bin. Spätestens die erste Torchance vernichtet meine Konzentration aber endgültig. Es ist – man entschuldige mir mein vielleicht überflüssiges Pathos – ein bisschen wie mit der Liebe. Am Anfang beschließt man womöglich rational und überlegt zu handeln, das hat schließlich immer seine Vorteile. Doch diese Vorsätze kann man normalerweise alsbald über den Haufen werfen, da die Sinne den Verstand über kurz oder lang erbarmungslos niederstrecken.

Wenn ich in der Halbzeit gefragt werde, wie das Spiel aus meiner Sicht bislang verlaufen ist, dann kann ich sagen wie gut oder wie beschissen es war. Die Analyse, dass die Hornochsen mal wieder zu viele hohe Pässe geschlagen haben, als man eher hätte flach spielen sollen, krieg ich auch noch hin. Aber mehr ist nicht drin. Wenn die ersten 45 Minuten eher ausgeglichen waren und sowohl der SVB als auch der Gegner drei “Hundertprozentige Chancen”™ generierten, habe ich zum Pausentee die Hälfte davon schon wieder vergessen. Die des Gegners versteht sich.

Was Fußball im Allgemeinen und Bayer 04 im Speziellen angeht, da kann ich weder fachlich, noch sachlich, noch objektiv bleiben. Es funktioniert einfach nicht.

¹ Um Missverständnissen zu vorzubeugen: damit ist nicht unbedingt oben genannter Kießling gemeint.

² Bis auf den letzten Link, welcher mir ein wenig die Inspiration für diese Zeilen lieferte (Danke, Stefan ;-) ), sind die Artikel relativ willkürlich ergoogelt. Es gibt, nicht zuletzt bei der Taktikbesprechung, natürlich noch unzählige solcher Art.

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  1. Einen wunderschönen guten Tach! | lauthals — 12.07.2011 @ 17:57 Uhr

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