2009 Dezember | lauthals

Ein Luxusproblem als Weihnachtsgeschenk?

Ich geb’s ja zu: Ich habe bis zum Ende nicht daran geglaubt. An die Herbstmeisterschaft. Doch tatsächlich hat es funktioniert, auch mit einigen schwächeren Spielen am Ende der Hinrunde. Sicher, einen Großteil des Erfolges haben wir dem Unvermögen der Konkurrenten zu verdanken, die es nicht fertig brachten, sechs (!) Unentschieden aus den letzten neun Spielen zu nutzen. Doch unbesiegt die Vorrunde zu beenden, verdient schon seine Anerkennung. Von einer Mannschaft zu reden, die “nicht mehr mit jener aus der letzten Saison vergleichbar ist”, ist inzwischen keine Spinnerei mehr.

Und doch wird man es als Bayer 04 Fan nie schaffen können, frei von jeglichem Zweifel zu sein. Überall und jederzeit muss man damit rechnen, dass sich Probleme anpirschen, auf den denkbar kuriosesten Zeitpunkt warten und dann gnadenlos zuschlagen. Selbst bei eigentlich erfreulichen Nachrichten, muss man damit rechnen, auf einen Wolf im Schafspelz hereinzufallen. Die erfreuliche Nachricht, der Schafspelz also, besteht in aktuellem Fall freilich aus der Rückkehr lang vermisster Leistungsträger. Der Wolf existiert in der Tatsache, dass das Wort “vermisst” oder zumindest die Kombination der Wörter “lang” und “vermisst” im vorherigen Satz zweifelhaft bis falsch ist.

«Wir haben noch einige Nationalspieler. Wenn die wiederkommen, ich will ja nicht drohen, dann wird es noch besser.»

(Jupp Heynckes)

Nicht, dass ich unserem Coach gerne widerspreche. Und nicht, dass ich gerne den Schwarzmaler markiere, und dennoch: Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie wir mit einem Schlag sinnvoll und beschwerdefrei vier “neue” Leute in die Aufstellung integrieren wollen.

Schwaab, der seinen Job solide, aber nicht immer fehlerfrei ausführte, stellt mich noch vor das geringste Problem. Gonzo rückt wieder auf rechts, Kadlec wieder auf links, Schwaab lauert auf der Bank auf seine Chance. Fertig.

Doch spätestens bei Stefan Reinartz geht es los. Dass ein Rolfes spielen muss, wenn er fit ist, steht zu keiner Diskussion. Doch es stellt sich fast schon die Frage, ob es moralisch vertretbar ist, Stefan auf die Bank zu setzen, wo er keinen geringen Anteil an der Herbstmeisterschaft trägt und zudem ein Eigengewächs ist. Da wird wohl oder übel Vidal dran glauben müssen… und die Bank und er waren noch nie die besten Freunde.

Der Sturm gestaltet sich dagegen noch relativ harmlos, auch wenn es zunächst nicht diesen Anschein hat. Kießling ist gesetzt, wie seit Berbatov kein anderer Stürmer mehr. Derdiyok, der derzeitig “nur” sechstbester Torschütze der Bundesliga ist, muss die Chance erhalten, seinen Platz zu verteidigen, während Helmes durch 20-minütige Einsätze seinerseits die Chance erhalten wird, seinen Platz zurück zu erkämpfen. Konfliktpotenzial hat diese Konstellation allemal. Im Angriff gestaltet sich eine Entscheidung aber generell etwas einfacher, da die harten Fakten, die Tore eben, leichter zu zählen sind.

Doch im offensiven Part des Mittelfeldes, wo vor einigen Monaten Renato Augusto durch Toni Kroos ersetzt werden musste, was ist dort am wichtigsten? Kroos hatte einige überragende Spiele, die er darüber hinaus mit Toren¹ krönte, so viel steht fest. Doch wenn ich mir die Zusammenfassung aller unserer Tore in der Hinrunde noch einmal ansehe, so stelle ich fest, dass ich auch Renatos unwiderstehlich unberechenbare Sololäufe vermisse. Renato kann doch nicht auf der Bank sitzen. Und Kroos auch nicht. Und Barnetta, der in letzter Zeit den halben Platz umpflügt, doch auch nicht. Mir ist das alles zu hoch. Ich kann das nicht entscheiden und muss es zum Glück auch nicht. Aber Tatsache ist doch: Ganz egal, wie die Entscheidung ausfällt, sie kann nur falsch sein und fast nur zum Schlechteren führen.

Da ist sie wieder. Meine Angst. Aber auch beim letzten mal war sie ja nur halb gerechtfertigt

¹ Ist der Plural dort korrekt? Oder war es nur ein einziges Tor in sechsfacher Ausführung?

Herbstmeister: Bayer 04 – Borussia Mönchengladbach 3:2

Hui, war das ein Spiel. Zeitweise beschlich mich in den letzten Wochen die Befürchtung, dass, wenn Kießling mal zwei, drei Spiele nicht trifft, Leverkusen nur noch mit Platzpatronen schießt. Aber wie schon gegen die Hertha, wo es am Ende wenigstens zu einem Unentschieden reichte, hat es auch gestern wieder funktioniert die Dinger irgendwie hinter die Linie zu prügeln. Einmal Derdiyok, zweimal Kroos.

“Der schon wieder” hörte ich jemanden hinter mir im Block sagen, als wollte er mir helfen, meinen ersten Gedanken nach dem Blick auf die Anzeigetafel in Worte zu fassen. Richtig. Der schon wieder. Und in dieser Aussage, in aller Freude über seine Tore und in den lautesten “Toni Kroos”-Gesängen schwingt doch immer etwas Verzweiflung mit, ob der ziemlichen Sicherheit, dass uns der Junge im Sommer wohl wieder verlassen muss.

Aber darüber soll jetzt nicht nachgedacht werden. Wir sind schließlich Herbstmeister. Nach einem Spiel, in dem es der Mannschaft sichtlich um nichts anderes als genau diese Herbstmeisterschaft ging. Es ging nicht um irgendwelche drei Punkte. Es ging darum, sich die Butter nicht mehr vom Brot nehmen zu lassen. Es ging darum, zu beweisen, dass man auch dann noch gewinnen kann, wenn es langsam ernst wird. Und dabei war sich die Mannschaft auch auf einem gefrorenen Boden nicht zu schade, die ganz weiten Wege zu gehen. Man sah zwar eine Abwehr, die in den wenigen Momenten, in denen sie gefordert war, nicht immer sattelfest stand, doch man sah ebenfalls einen Tranquillo Barnetta, der einen ordentlichen Batzen Kilometergeld kassiert haben wird, einen Toni Kroos, der trifft, wenn es nötig ist und einen Arturo Vidal, der dazwischen haut, wenn die Mannschaft ein Zeichen braucht.

Nach dem zweiten Tor der Gladbacher, dem auch noch eine unfaire Liebkosung Dantes an Sami Hyypiä im Gladbacher Strafraum vorangegangen war, brauchte sowohl die Mannschaft, als auch der Anhang etwas Zeit wieder ins Spiel zu finden. Diese Phase der Verunsicherung konnten die Gladbacher zum Glück nicht ausnutzen. Irgendwann wurde dann allen wieder bewusst, dass ein Spiel eben doch mindestens 90 Minuten hat. Ohne viel Struktur dafür aber mit einer großen Portion Wille gegen Gladbacher, die inzwischen mit Mann und Maus hinten drin standen, wurde letzten Endes die Herbstmeisterschaft festgenagelt.

Und der Rest war Freude. Herbstmeister, juchei. Und nun tun wir einfach so, als würden wir die Hinrunde nochmal spielen. Nur, dass wir jetzt fünf Leistungsträger mehr haben und mit einem Punkt Vorsprung in die Saison starten.

Angst

Kann man vor einem ordinären Bundesligaspiel Angst haben? Darf man das Wort Angst für so etwas Irrelevantes wie Fußball überhaupt verwenden? Wenn man von Angst im Fußball redet, meint man vermutlich etwas anderes als richtige Angst. Und zwar etwas, für das mir allerdings die entsprechende Bezeichnung fehlt. Bleiben wir also der Einfachheit halber bei Angst.

Und ich habe Angst vor dem Spiel heute Abend. Die Konstellation dieses Spiels Spitzenreiter gegen Rote Laterne ist einfach wie gemacht für ein weiteres Kapitel im Leverkusener Fortsetzungsroman Leistungseinbrüche, als man sie am wenigsten erwartete. Ich will wirklich nicht den Teufel an die Wand malen. Aber nicht nur in der Geschichte von Bayer 04 wäre es nicht das erste mal, dass es gerade diese Spiele sind, in denen der Klassenprimus plötzlich Federn lassen muss, während der gebeutelte Krisenverein groß auftrumpfen kann.

Ganz sicher wird die Hertha von unserer Mannschaft nicht unterschätzt werden. Das will ich niemandem unterstellen. Nein – aber jene angesprochene Angst wird auch in ihren Köpfen schlummern, die Angst vor der Blamage. Hiermit rufe ich das Spiel der Saison aus. Heute Abend entscheidet sich, ob Bayer 04 2009 wirklich ein anderes Bayer 04 ist oder ob der bisherige Saisonverlauf einfach nur eine gute Serie war. Ich für meinen Teil tippe heute jedenfalls das erste mal auf eine Leverkusener Niederlage. Heute schaffe ich es nicht positiv zu denken, ich habe Angst, dass ein Traum zerplatzt.

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