2010 Januar | lauthals

Wenn die Pillen Meister werden würden

Wenn Bayer 04 am 30. Spieltag nach einem hart umkämpften Sieg gegen den Tabellenzweiten FC Bayern München seinen Vorsprung auf eben jene auf fünf Punkte ausbauen würde, würdet Ihr, sofern ihr euch nicht Bayern-Fans schimpft, erneut skandieren, dass wir den Bayern gefälligst ihre Lederhosen ausziehen sollen. Man würde uns erklären, dass wir die Meisterschaft verdient hätten, weil wir den schönsten Fußball gespielten hätten. Zugleich würden einige von Euch an den folgenden Spieltagen aber zu behaupten wissen, dass wir nie deutscher Meister werden. Nie deutscher Meister. Und nochmal: Dass wir nie deutscher Meister werden.

Und wenn Leverkusen am vorletzten Spieltag gegen Hertha tatsächlich die Meisterschaft klar machen würde und Ihr dann feststellen würdet, dass in der 80. Minute beim 3:0 für Bayer 04 zwei Plätze auf dem Oberrang unbesetzt sind, dann würdet Ihr sagen: “Nicht einmal zur Meisterschaftsfeier bekommt ihr euer kleines Stadion voll.” Und wenn ein Teil von uns es dann schaffen würde den Rasen zu stürmen, würdet Ihr vermuten wissen, dass wir gekauft sind. Aber das würdet Ihr natürlich alles nicht so meinen.

Doch Ihr würdet Euch bestätigt fühlen, ob Eures Plastik-Bildes, das Ihr von Bayer 04 habt: Dadurch, dass aus den Stadionboxen lautstark Atzenmusik laufen würde, die naturgemäß nur während des Refrains von den Gesängen der Fans wird übertönt werden kann. Dadurch, dass der einzige vorzeigenswerte fußballfremde Prominente, der vor den Kameras die Meisterschaft feiern würde, Henry Maske sein würde. Dadurch, dass die Senioren und Seniorinnen in Leverkusen in der folgenden Nacht eine Stunde früher Nachtruhe finden würden, als es bei einer Meisterschaftsfeier in Dortmund der Fall wäre. Und dann würdet Ihr Euch noch, natürlich, darüber lustig machen, dass unser Rathaus keinen Balkon hat.

Die darauffolgenden Tage würden besonders an denen von Euch zehren, die Ideologen oder Traditionalisten sind. Und ganz besonders an denen, die sich Traditionalisten nennen, weil sie irgendwann mal gehört haben, dass ihr Verein ein Traditionsverein sei. Besonders dann, wenn Ihr auch gehört habt, dass die 100 prozentige Tochter der Bayer AG, die Bayer 04 Leverkusen Fußball GmbH, alles sei, bloß kein Traditionsverein. Wieder würdet Ihr erklären, dass Ihr den modernen Fußball nicht so dolle findet. Manche von Euch würden sich, nachdem der zweite Retortenclub hintereinander die Meisterschaft gewonnen hat, darin bestätigt fühlen, dass die guten Zeiten nun aber wirklich, also echt mal, vorbei sind.

Ihr würdet Euch ärgen, Euch über uns lustig machen und uns lächerlich finden.

Doch uns wäre das alles egal.

PS: Ich entschuldige mich für die vermutlich grässlich-falsche Verwendung der Konjunktive. Der Gebrauch des Indikativs wäre auch mir aus so nachvollziehbaren wie vielfältigen Gründen lieber gewesen.

Meckern unerwünscht: TSG Hoffenheim – Bayer 04 0:3

Ich hatte es ja gesagt: Hoffenheim tritt erneut ohne Abwehr an, wie das dritte Tor deutlich belegt. Ebenfalls vakant: Der Sturm. Dies wiederum zeigt die Anzahl der von Hoffenheim geschossenen Tore.

Doch schauen wir der Wahrheit ins Gesicht, so schwer es fallen mag. Dieser Sieg, gerade in solcher Höhe, ist mehr als schmeichelhaft und nur einigen wenigen Einzelkönnern zu verdanken, die da wären: Hyypiä, Schwaab, Reinartz, Barnetta und, na ja, ihr wisst schon wer (Ja genau, der schon wieder). Der Rest des Teams wirkte erschreckend fehleranfällig.

Insgesamt war es vielleicht das zerfahrenste Spiel, dass die Mannschaft in der bisherigen Saison abgeliefert hat. Viel Hick Hack, viel Klein-Klein, wie man so schön sagt, viel Unsicherheit. Bezeichnend sind die beiden Chancen von Vukcevic, denen haarsträubende Fehler von Friedrich, respektive Adler vorausgegangen waren. Ich hätte ihm eine Kiste gegönnt. Ein ganz großer Spieler, dem der Torschuss wichtiger ist als ein geschindetes Foul.

Insgesamt wussten defensiv nur Hyypiä, Schwaab (vielleicht sein bestes Spiel bisher, das möchte ich schon hervorheben) und Reinartz zu überzeugen. Gerade letzterer hat gezeigt, wie man als moderner Sechser seinen Stammplatz verteidigt. Schade, dass der Schiri häufiger Fouls von ihm gesehen hat, wo meiner Ansicht nach keine waren. Doch wieso Vidal zur Pause nicht durch Rolfes ersetzt wurde, ist mir ein Rätsel. Dabei lag für ihn, wie in alten Zeiten, ständig die Gelb-Rote Karte in der Luft. Im Übrigen kam auch Helmes für mich zu spät. Wenn er Leistung zeigen soll um sich wieder heran zu kämpfen, muss er schließlich auch die Chance dazu bekommen. Heute, wo nach vorne nicht viel ging, wäre eine frühere Einwechslung durchaus im Rahmen des Möglichen gewesen. Doch “nicht viel” kann für ein Team mit diesem Lauf natürlich immer noch genug sein, um drei Tore zu schießen, daher hat Jupp die Argumente sicher noch immer auf seiner Seite.

Das Wenige, was offensiv stattfand, war teilweise aber mal wieder allererste Sahne. Barnetta, der in letzter Zeit unglaublich aufdreht, was Tempo und Kampfgeist angeht, leitete fast jede Aktion ein und wurde am Ende mit dem eigenen Tor belohnt. Leute, den Jungen hatte ich vor einem Jahr schon längst abgeschrieben. Asche auf mein Haupt.

Auch Reinartz, der, wie ich es wahrnahm, als einziger Spieler sowohl defensiv als auch offensiv stattfand, wusste zu gefallen. Seine Flanke  vor dem 3:0 war der wichtigste und schwierigste Pass im gesamten Spielzug. Wo andere blind zur Grundlinie durchgelaufen wären und dort den Ball ans Schienbein des Verteidigers gehämmert hätten, bremst er überraschenderweise auf Höhe der 16m-Linie ab und flankt auf den einzigen freien Mann in der Mitte. Der Rest ist ein Mix aus Gewurschtel, Eingespieltheit und Übersicht.

Und über Toni müssen eigentlich nicht mehr viele Worte verloren werden. Wer noch ernsthaft glaubt, der Mann würde die nächste Saison noch immer mit dem Kreuz auf der Brust auflaufen, kann nicht mehr alle Latten am Zaun haben. Nerlinger müsste hochkant rausgeschmissen werden, wenn er nicht alles daran setzt, ihn zurück zu holen. Nicht, dass Kroos das gesamte Spiel an sich reißen würde. Das macht dann tatsächlich eher Barnetta. Doch Kroos ist ein Meister der Effektivität. Ich möchte soweit gehen und behaupten: Kroos ist für uns so wertvoll wie Ballack 2001/2002. Natürlich haben beide gänzlich andere Spielanlagen, doch selten waren wir von der Effizienz eines Spielers so abhängig wie bei diesen beiden Typen. 15 Scorerpunkte in 19 Spielen, alleine 8 Scorerpunkte an den letzten vier Spieltagen, das sucht seinesgleichen.

Insgesamt sind es natürlich die positiven Aspekte, die man heute hervorheben muss, einfach deshalb, weil sie keinesfalls gewöhnlich sind, gerade für Bayer 04: Etwa, dass Spieler wie Schwaab, die eine eher durchwachsene Saison spielen, zur richtigen Zeit ihre Leistung abrufen, um andere Spieler, die heute morgen am besten im Bett geblieben wären, aufzufangen.

Nach solchen Spielen, wird man doch langsam zuversichtlicher, was die Chancen auf eine Meisterschaft (Hoppla, das verbotene Wort) angeht. Sogar ich. Beschissen spielen und 3:0 gewinnen, das hat schon etwas bajuwarisches.

Nachtgewäsch

Zu solch später Stunde kommen einem meist ja nochmal einige Gedanken – gesetzt den Fall, man ist wach und wenigstens halbwegs nüchtern¹ . Es handelt sich um Dinge, die man unbedingt noch schnell loswerden möchte, ehe man sich in die Falle haut. Gewissermaßen ist es bezeichnend und schockierend zugleich, dass sich auch um diese Uhrzeit meine Gedanken zu einem Großteil mit dem Thema Fußball beschäftigen. Im Folgenden wird nicht für den Zusammenhang einzelner Absätze garantiert. Da müssen wir jetzt durch.

Flauschige Pressekonferenzen und Akupu… wiebiddewas?

Habe ich schon mal erwähnt, dass die Pressekonferenzen am Freitag vor jedem Spiel sehenswert sind? Sicher, beim Bayer gibt es keine Action in bajuwarischen Ausmaßen. Es gibt keine Van Gaals, keine Trapattonis, erst recht keine Hoeneße und noch nicht mal Klinsis. In Leverkusen ist es eher… heimelig. Da sitzen geschätzte 10 bis 15 Journalisten im Presseraum während Pressesprecher Dirk Mesch und Trainer Jupp Heynckes zum gemütlichen Fußball-Talk bei Kaffee und Cola bitten.

Mit den Worten “Samma! … Also Pluspunkte ham se da nich mit gesammelt” und einem bösen Blick quittierte Heynckes Meschs Aussage als dieser das Hinrundenspiel gegen Hoffenheim als “müdes 1:0″ tituliert hatte. Da wird dann laut geschmunzelt unter den Journalisten. Und nun ja, das war in der heutigen PK dann auch schon der dramaturgische Höhepunkt. Ich finde das nicht schlimm. Im Gegenteil. Ich mag es so. Insbesondere seit Jupp Heynckes da ist, läute ich jedes Bundesligawochenende mit dem Konsum der obligatorischen Pressekonferenz ein. Man fühlt sich daheim. Geborgen in Jupps Obhut, der einem Wort für Wort die Ängste des nächsten Spieltags nimmt. Ob die Serie hält, ob die drei Ex-Patienten Unruhe ins Team bringen könnten, ob Simon Rolfes und Stefan Reinartz nicht auch nebeneinander spielen könnten. Letztendlich läuft die Antwort auf eine jede Frage immer auf ein “Machen se sich mal keine Sorgen, das geht schon alles seinen Weg” hinaus, doch die Souveränität und Gelassenheit der Antwort befriedigt alle Gemüter. Auf Platz eins argumentiert es sich sowieso einfacher.

Schön an diesen Pressekonferenzen ist auch, dass man hin und wieder Details erfährt, die von den meisten Journalisten bei späterer Berichterstattung entweder verschluckt oder als irrelevant eingestuft werden. Zum Beispiel erfährt man, dass die Muskelverhärtung Renato Augustos offenbar mit Akupunktur behandelt wurde. Nun fühlt sich der Dribbelkönig angeblich “wie befreit”. Eigentlich dachte ich ja, dass bei Bayer04 seit dem Wechsel von Tscholli keine Zauberei fragwürdigen Behandlungsmethoden mehr angewandt werden. Aber ich bin natürlich kein Mediziner und vielleicht auch falsch informiert. Daher möchte ich das jetzt auch nicht abschließend bewerten. Jedenfalls nicht persönlich (Ich bin selbstverständlich auch offen für weitere Informationen).


Hoffenheim hat nur noch ein Mittelfeld

Sonntag also gegen Hoffenheim. Der Punkt ist: Sonntag. Sonntag! Ihr wisst schon. Sonntag. Ich finde es grausam, wenn an Sonntagen gespielt wird. Nicht wegen der Fahrerei als Auswärtsfan oder Ähnlichem. Meine Arbeitszeiten sind flexibel genug, dass ich Montags auch mal ausschlafen kann, wenn eine Heimfahrt länger dauert. Davon abgesehen, dass ich es sowieso nur selten schaffe, auswärts zu fahren. Das Problem am Sonntag ist einfach, dass Sonntag nicht Samstag ist. Rationaler kann ich es nicht begründen. Außerdem habe ich das subjektive Gefühl, dass Sonntags viel öfter Nullnummern stattfinden. Aber sei’s drum. Immerhin können die Bayern dadurch morgen wieder für einen Tag Tabellenführer werden. Das sind sie immerhin inzwischen seit fast sieben Tagen nicht mehr.

Während wir nicht wissen, was wir mit unseren Qualitätsstürmern anfangen sollen, wird Hoffenheim übrigens ohne Sturm antreten². Ohne Abwehr sowieso. Aus Tradition. Statistisch gesehen kann es also nur auf ein 6:0 für Bayer hinauslaufen.

Der Fall Frings

Zum Schluss noch was ganz anderes: Der Trauerfall Frings. Was haben wir uns geärgert oder gelacht, weil andere sich so geärgert haben. Was haben wir philosophiert. Was haben wir kommentiert. Am besten, finde ich, fasst es aber Entscheidend is auf´m Platz zusammen.

Schönes Wochenende wünsch ich.

¹ Nun, viele Gedanken kommen einem natürlich auch wenn man breit ist. Oft sind diese sogar weitaus interessanter als jenes Geschreibsel hier. Ein Vorteil der Nüchternheit ist jedoch, dass man morgens nicht panisch zum Rechner hasten muss um herauszufinden, was man des Nachts noch für einen Driss ins Internet geschrieben hat.

² Der ist entweder verletzt oder spielt beim Afrika-Cup.

Große Sätze unterm Bayer-Kreuz [2]

Die Reihe “Große Sätze unterm Bayer-Kreuz”, in der Mitglieder der Bayer04-Familie die Gelegenheit bekommen, sich zum Verein zu bekennen, wurde einst von Stefan Kießling gegründet. Gerade beim Retortenclub ist man froh solche Aussagen zu hören, so dass sie es wert sind, hier festgehalten zu werden. Im zweiten Teil der Reihe meldet sich nun Rudi Völler bei bild.de zu Wort:

[Ob ich beim HSV Sportchef werden könne,] haben mich die Hamburger Passanten [...] auch schon gefragt. Denen habe ich gesagt, dass ich sozusagen das Bayer-Kreuz eintätowiert habe.

Notizen zum 18. Spieltag

  • Die Hertha kann nur gegen Hannover gewinnen.
  • Was aber immerhin bedeutet: Die Hertha kann gewinnen.
  • Gekas spielt und trifft sofort.
  • Dortmund meint es ernst.
  • Skibbe wird vom Leverkusener Schönreder zum Frankfurter Frontkritiker.
  • Skibbe meckert erwiesenermaßen auf hohem Niveau.
  • Klose schießt ein Tor und macht Druck auf Stefan Kießling.
  • Dass Arjen Robben in langen Unterhosen spielt, scheint für jeden Berichterstatter eine Information wert zu sein.
  • Udo Lattek feiert seinen 75. Geburtstag und das DSF denkt, dass uns das interessiert.

Alles wie gehabt: Bayer 04 – Mainz 05 4:2

Für Bayer 04 beginnt das neue Jahr so, wie das Alte endete. Nervenaufreibend, energisch, erfolgreich.

Nach einem schwachen Start mit Tor für Mainz in der 8. Minute, gelingt die fulminante Wende, eingeleitet durch den wiedergenesenen Katsche. Dabei habe ich noch vor und in den ersten Minuten nach seinem Tor gemeckert, das sei wieder typisch Bayer: Zu viele Kombinationen, zu viel Spielerei ohne jeglichen Raumgewinn, zeitweise war aus meiner Sicht jeder Pass kontergefährdet. Und der Barnetta: Zu lässig, zu unkonzentriert, zeitweise zu dumm. Schön dass gerade jener mich nach einem Traumpass von Kies Lügen straft. Selten habe ich einen so wunderschönen Antritt gesehen, wie Tranquillos: Er sieht den Ball auf dem silbernen Tablett, sprintet los, noch 3-4 Meter vor dem Ball zögert er kurz und vergewissert sich über die Position seines Gegenspielers, legt sich die nächsten Schritte gedanklich zurecht, richtet die Augen auf das Spielgerät, beschleunigt wieder für die letzten Meter zum Ball und ab die Post. Wie aus einem Guss. Da tut es auch nichts zur Sache, dass der Ball letztendlich haltbar gewesen wäre. Schade allerdings, dass diese Situation und Kießlings vorzüglicher Pass im Fernsehn einmal mehr fast ausschließlich in der unübersichtlichen Nahaufnahme zu sehen war.

Kroos (Der schon wieder!) und Eren Derdiyok dürfen sich auf Seiten von Bayer 04 noch in die Liste der Torschützen eintragen, die Mainzer erzielten zwischenzeitlich einen Anschlusstreffer durch Bungert.

Schön, dass wieder ein Spiel gedreht wurde. Schön, dass Kadlec schon jetzt wieder das Tor getroffen hat und schön, dass auch Renato Augusto sich durch eine Vorlage zurückmelden konnte.

So schwer es uns auch fällt, Jens, ich glaube ein solches Spiel zum Auftakt der Rückrunde darf gut und gerne dazu beitragen, das unbestimmte Gefühl in der Magengegend wenigstens im Ansatz zu beruhigen. Sollen die Bayern und die Gelsenkirchener doch gewinnen.

Über die Wahrhaftigkeit des Spielergebnisses -oder- Warum die Phrase “Am Ende zählen nur Tore” mehr als nur eine Platitüde ist

Das Ende einer jeden Halbserie bedeutet stets Trauer für den Fußballfreund. Doch des einen Leid ist des Anderen Freud. So bedeutet das Ende einer jeden Halbserie auch stets den Beginn einer wunderbaren Zeit für jeden Statistikfreund. Wohin man auch sieht, man wird mit Zahlen, Ranglisten und Balkendiagrammen nur so erschlagen. Bei der Betrachtung einer größeren Menge von Spielen (etwa einer Halbserie) kann dies sogar recht aufschlussreich sein. Doch selbst nach jedem einzelnen Spiel wird jeder Ballkontakt auseinander gepflückt, wodurch uns der Fußball erklärt werden soll. Nicht selten jedoch sind abstrakte und abgedroschen wirkende Phrasen präziser und seriöser als manche Statistik. Ob das sein kann? Natürlich, der Wetterbericht ist schließlich auch nicht immer besser als die Bauernregel.

Wenn die schlechtere Mannschaft das Spiel gewinnt

Wir schreiben den 25.02.2007. Leverkusen ist zu Gast bei Schalke 04. Es soll ein Spiel werden, das so bedeutsam für das Bild von Bayer 04 sein wird, wie lange zuvor und lange danach Keines mehr. Es soll das Spiel des René Adler werden. Er feiert auf Schalke sein Debüt, da Hans-Jörg Butt sich in der vorangegangenen Woche durch eine rote Karte selbst ins Aus schoss. Schalke dominiert das Spiel ab der 15 Minute, Bayer 04 kann kaum durchatmen. Wenige Minuten vor Schluss erzielt der eingewechselte Stefan Kießling das 1:0 für die Werkself, während Adler hinten die “Null” festhält. Am nächsten Tag wird der kicker ein Chancenverhältnis von 11:1 für die Schalker verzeichnen und René Adler zum “Mann des Tages” erklären.

Gut 1 1/2 Jahre später spielt Bayer Leverkusen am siebten Spieltag zu Hause gegen Hertha BSC Berlin. Vor dem Spiel steht Bayer Leverkusen auf dem zweiten Tabellenplatz. Natürlich war die Tabelle zu dieser Zeit noch nicht aussagekräftig, dennoch hatte der Bayer einen guten Lauf und mit 18:10 Toren die beste Tordifferenz der Liga. Und mit diesem Selbstbewusstsein treten sie auch auf. Berlin wird lange Zeit im eigenen Strafraum eingekesselt, der Sieg der Rheinländer scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Doch Drobny erwischt einen Sahnetag. Zwanzig Minuten vor Schluss werden die Leverkusener immer weniger zwingend und zunehmend nachlässiger. In der 89. Minute markiert der Ex-Leverkusener Andrey Voronin das 1:0 für die Hertha. Der kicker verzeichnet letztendlich ein Torschussverhältnis von 11:2 für Bayer 04 Leverkusen.

Beide Male standen am Ende drei Punkte für das schlechtere Team auf dem Papier. Beide Male hieß es am Ende, dass nächste Woche “eh keiner mehr fragt, wie das Ergebnis zustande gekommen ist”. Doch für jeden, den man innerhalb jener Wochenfrist fragte, stand auch beide Male fest, dass das jeweils schlechtere Team den Sieg für sich verbucht hatte.

Es gibt nichts, was man nicht in Zahlen ausdrücken könnte…

Für das Spiel gegen Schalke fehlt es mir leider an Aufzeichnungen. Doch dass mit Hertha BSC damals das schlechtere Team gewann, wurde umfassend und detailliert dokumentiert. So gewann laut bundesliga.de¹ Bayer Leverkusen 57% aller Zweikämpfe (52% in der Luft und 58% auf dem Boden) und hatte einen Ballbesitz von 61,5%. Während Leverkusen 79% ihrer 456 Pässe erfolgreich an den Mann bringen konnte, schafften die Berliner gerade mal eine Quote von 72% bei auch nur 283 Pässen. Und das ist noch nicht alles: Bayer Leverkusen bekam zwölf Ecken zugesprochen (die Berliner nur fünf) und wurde drei Mal im Abseits aufgefunden (zwei mal).

Diese Zahlenmasse lässt sich schier endlos erweitern und jede dieser Zahlen lässt sich bis auf ein kleinstes Teilchen zersplittern und analysieren. So könnte es für manch einen interessant sein, dass immerhin elf der 37 Leverkusener Flanken ihr Ziel erreichten, während kein einziger der 13 Versuche der Berliner zu einer brauchbaren Hereingabe taugte. Und nicht nur in der Gesamtheit des Spielfeldes hatte Bayer mehr Spielanteile, nein, auch wenn man die Mitte, die rechte und die linke Seite einzeln betrachtet, kommt man unweigerlich zu diesem Schluss.

Und doch waren es Arne Friedrich und Andrey Voronin, die den einen Weg, den einen Schlüssel, der das Spiel zu entscheiden vermochte, fanden. Manch einer mag versuchen diesen Wert, der in kaum einer Statistik auftaucht, “Effektivität” zu nennen und diese zu messen – und mag damit noch nicht einmal so falsch liegen. Doch wirklich gewürdigt wird diese Fähigkeit, mit möglichst wenigen Versuchen möglichst viele wertvolle Aktionen zu generieren, viel zu selten. Dabei ist es nicht immer, wie vielleicht im Spiel der Leverkusener gegen Schalke, die Kombination aus Unvermögen des Kollektivs und Genialität des Einzelnen, die ein Spiel “auf den Kopf stellen” kann, sondern häufig sogar eine Kunst, den Gegner in den Statistiken des nächsten Tages als überragenden Akteur des Spieles hinzustellen und selber die Punkte einzufahren.

Natürlich haben Adler und Drobny in den jeweiligen Spielen sensationell gehalten. Doch keiner der Torschüsse war unhaltbar, denn Unhaltbare² werden nun einmal – das liegt in der Natur der Sache – nicht gehalten. Die Torleute haben auch in diesen Spielen keine Magie angewandt. Sie haben es einfach geschafft, über 90 Minuten die Konzentration hoch zu halten und haben zu jedem Zeitpunkt die richtige Balance aus Ruhe und Entschlossenheit gefunden, kurz gesagt: Sie haben ihren Job gemacht. “Unhaltbare” Chancen gab es in diesen Spielen genau aus dem Grund nicht, weil die Defensivabteilungen sie nicht zugelassen haben. Die Abwehrreihen hatten gewiss nicht ihre besten Tage und selbstverständlich wären sie auch nicht traurig drum gewesen, die ein oder andere Chance mehr zu vereiteln. Und dennoch haben sie es geschafft, die goldenen Chancen zu vereiteln. Wenn man einen guten Keeper hat, reicht das manchmal. Am Ende kassieren diese Abwehrmänner in den einschlägigen Medien trotzdem ihre 4,5 gegen die man auch nicht so recht etwas einwenden möchte. Dies ist für mich ein Beispiel von Fehlinterpretation der Statistiken.

…und doch so viel.

Der Kommentator solcher Spiele erklärt am Ende regelmäßig, dass man nur gewinnen kann “wenn man Tore macht”, da ja schließlich “nur Tore zählen”. Diese Gedanken werden leicht ausgesprochen, wird doch schon im Moment der Aussage ihre Wahrhaftigkeit implizit verkannt. Denn insgeheim ist es nicht das, was man möchte. Man möchte, dass die Mannschaft belohnt wird, die Torchancen generiert, die aufwendig spielt. Man möchte, dass die Ergebnisse öfter “spielgerecht” sind, vergisst dabei jedoch, dass das Ergebnis sich selbst rechtfertigt und dass das eigene Gerechtigkeitsempfinden das Resultat einer irrationalen und persönlichen Definition ist. In einem Sport wie König Fußball, in dem hin und wieder sogar drei Eigentore des Gegners das Spiel entscheiden, fallen schlicht und ergreifend zu wenige Tore, als dass diese immer eine brauchbare Kenngröße für den Spielverlauf und den ihm zugrunde liegenden Statistiken sein könnten. Die Tore sind, wenn man so will, nur eine Kenngröße ihrer selbst. Damit will ich sagen: Der Sinn des Fußballs manifestiert sich einzig und alleine in den geschossenen Toren. Und das ist nicht einfach nur ein blöder Spruch.

Und um das festzuhalten: Die hier angesprochenen Spielstatistiken sind nicht unbedingt eine schlechte Sache. Jede Statistik sagt schließlich etwas aus. Eine seriöse Wissenschaft wird daraus aber noch lange nicht. Der Wert der Statistiken wird zuweilen maßlos überschätzt. Denn jede Statistik beschreibt nur einen Bruchteil des tatsächlichen Spieles. Die Torschussstatistik beispielsweise sagt nicht mehr und nicht weniger aus als: Team A hat so und so oft auf das Tor geschossen, Team B dagegen etwas weniger. Das war’s dann aber auch schon. Dass die Qualität der jeweiligen Torschüsse in dieser Statistik keine Beachtung findet, ist nur das offensichtlichste Problem dabei. Fußball ist nicht so einfach, als das es sich in Zahlen pressen ließe. Zumindest dann nicht, wenn es sich nur um eine endliche Menge von Statistiken handelt. Würde man alle erdenklichen Statistiken erstellen können und auswerten, das Spiel also komplett auf Zahlen abbilden, würde man aus dieser “Super-Statistik” ablesen können, wieso ein Team ein Spiel gewonnen oder verloren hat. In letzter Konsequenz bedeutete dies natürlich, dass jeder Sieger ein verdienter Sieger ist. Schimpft mich einen Romantiker, aber: So ist es ja auch.

Zufall oder Schicksal?

So phrasenhaft und paradox der folgende Satz erscheint: Eine gute Aktion, die nicht zum Torerfolg führt, ist keine gute Aktion. Und so sehr ein Trainer auch verzweifeln muss, wenn er sich folgenden Satz auf der Zunge zergehen lässt: Eine gute Taktik zeichnet sich nur dadurch aus, dass durch sie die Wahrscheinlichkeit auf gute Aktionen signifikant erhöht wird. Gute Aktionen entstehen durch individuelle Fähigkeiten, kurze gedankliche Aussetzer des Gegners und manchmal sogar Papierkugeln. Erzwungen werden können diese Aktionen durch Taktik aber nicht. Es handelt sich dabei aber weder um Zufälle (die Papierkugel lassen wir mal außen vor) noch um (Gott bewahre) Schicksal. Es handelt sich nur um den stetigen, 90 Minuten währenden Versuch die Gunst der positiven Ereignisse in die eigene und die Gunst der negativen Ereignisse in die gegnerische Richtung zu kippen.  Wenn das einen stört, muss man sich Basketball, Handball oder eine beliebige Rückschlagsportart ansehen. Bei diesen Sportarten zerschießt ein “Glückspunkt” deutlich seltener alle Statistiken, einfach daher, weil er viel weniger zählt. Doch, wenn man sich Fußball ansehen möchte, dann ist genau diese Unberechenbarkeit und die Irrelevanz vergangener Spielszenen³ (also jener, die nicht mit einem Tor endeten) das, was einen reizt. Und wenn man das nicht einsehen möchte, hilft es nur sich damit zu trösten, dass sich “alles irgendwann ausgleicht”. Denn auch das ist mehr als nur eine Platitüde.

¹Bzw. die Opta Sport Daten AG, die offenbar für die Statistiken von bundesliga.de verantwortlich ist.

²Jedenfalls wenn man von den echten Unhaltbaren spricht und nicht von denen, bei denen ein Torhüter mit schlechtem Stellungsspiel und guter Antizipation eine sogenannte Glanzparade provoziert.

³Keine Spielszene ist gänzlich irrelevant, wird doch durch jede schöne, wenn auch erfolglose Aktion, mit Sicherheit die eigene, wie auch die gegnerische Psyche direkt oder indirekt (durch die Stimmung des Publikums) beeinflusst, was sich auf zukünftige Szenen und somit auch auf den Spielausgang auswirken wird. Das steht außer Frage.

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