Champions League | lauthals

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Enzian

Blau isser. Der Hintergrund. Endlich wieder blau. Ich bin verlockt, zu sagen, königsblau, doch ich möchte bitte korrigieren, es ist natürlich championsblau. Oder das Blau der Champions, das hört sich schöner an. Wir spielen nämlich wieder in der Champions League, und wer in der Champions League spielt, hält seine Pressekonferenzen vor einem blauen Hintergrund ab. Da sitzt dann, in unserem speziellen Falle, der Herr Dutt, das ist nämlich unser Trainer und erzählt, nun ja, soleidesmirtut, irgendetwas halt. Bestimmt etwas Wichtiges und Richtiges, wie das nunmal für ihn so üblich ist, und neben ihm, dem Trainer, der aber genau so gut unser Zeugwart sein könnte, sitzt dann der Michael Ballack, der genau so gut Philipp Lahm sein könnte, das bekomme ich gerade noch so mit, der auch über irgendetwas redet. Wahrscheinlich darüber, dass er sich freut, die alten Kollegen noch mal wieder zu sehen. Vielleicht erzählt er das sogar auf eine bewegende Art und Weise, auch wenn ich das nicht glaube, aber das tut auch nichts zur Sache, denn auch das nehme ich irgendwie nicht wirklich wahr.

Meine ganze Aufmerksamkeit gilt nur diesen blauem Hintergrund und ich bin fast ein bisschen fasziniert davon, denn plötzlich realisiere ich, dass wir wirklich wieder in der Champions League spielen werden. Und zwar nicht in drei Monaten oder so. Nein: morgen. Morgen steht da ein Schiedsrichter in einem Mittelkreis in einem Stadion, das sich Stamford Bridge nennt, schüttelt dem Rolfes und dem, ich weiß gar nicht genau und mag jetzt auch nicht recherchieren, ich sag einfach mal, Terry oder Lampard die Hand und pfeift dann ein Spiel zwischen den Mannschaften dieser beiden Herren an. Und dieses Stadion, das sich Stamford Bridge nennt, das steht in London. Das ist in England. Dem Land, von dem alle sagen, da käme der Fußball her. Ja. Ukraine war gestern.

Und um die Kurve zu kriegen, hin zu einer Analogie, die ich euch nicht vorenthalten möchte und um die herum sich der ganze Text hier aufgebaut hat, muss ich zurückkommen zu dem Blau, dem faszinierenden. Da sah ich es also, im Hintergrund von unserem Zeugwart, der irgendetwas daherredete, und dachte sogleich an Enzian, der doch bekanntlich in ähnlicher Weise blau zu sein pflegt. Will sagen: blau, blau, blau sogar. Und da fiel mir ein: Der blüht in deutschen Landen doch für gewöhnlich höchstens mal in Bayern. Ab morgen blüht er auch in Leverkusen. Das finde ich wunderbar.

Bayer Leverkusen und die Suche nach der Unberechenbarkeit

Butt – Sebescen, Lucio, Nowotny, Placente – Schneider, Ballack, Zé Roberto, Bastürk – Kirsten, Brdaric

Was diese Aneinanderreihung von Namen zu bedeuten hat, muss ich wohl den Wenigsten erklären. Obgleich man nicht unbedingt wissen muss, dass dies die Elf war, die 2002 an einem legendären Dienstagabend den englischen und damals alleinigen Rekordmeister FC Liverpool bezwungen hat, so wird doch jeder erahnen können, dass oben gelistete Mannen irgendetwas mit dieser einzigartigen Saison 2001/2002 zu tun haben müssen.

Und Liverpool – das sind eben die, die normalerweise selber dafür bekannt sind durch einen gesunden Mix aus Moral, Ehrgeiz und einer Prise Übermut Europas Fußballmächte auf dramaturgisch wertvolle Weise zu bezwingen. Damals, 2002, schienen sie dem Willen einer Werkself aus dem Großdorf mit der ähnlich klingenden Präposition nicht viel entgegensetzen zu können. Leverkusen lag nach dem Hinspiel in Liverpool 0:1 zurück und war auch während des Rückspiels nach den Toren zum 1:1 und zum 3:2 so gut wie ausgeschieden. Doch Bayer drehte dieses Spiel auf eine Art und Weise, wie es nie wieder ein Spiel drehen würde. 15 Jahre alt war ich, hockte zitternd vor dem Fernseher und muss ein ums andere mal meine Mutter durch einen Freudenschrei (der natürlich regelmäßig aktualisiert werden musste) geweckt haben.

Und dieses Spiel im Viertelfinale der Champions League 2001/2002 steht nur symbolisch für eines von vielen aus jener denkwürdigen Saison: Vom zehnten bis zum 16. Bundesligaspieltag geriet die Bayer-Elf acht mal in Rückstand (gegen Nürnberg doppelt) und gewann dennoch sechs der sieben Spiele¹.

Adler – Castro, Friedrich, Henrique, Kadlec – Renato Augusto, Rolfes, Barnetta, Vidal – Helmes, Kiesling

Diese ungleich weniger legendäre Elf, besteht aus den Spielern, die in der vergangenen Spielzeit zumeist das Bayer-Kreuz spazieren führen durften. Vom verletzten Schneider einmal abgesehen, stand kein Spieler des damaligen Teams im Kader. Gedrehte Spiele: 0 (In Worten: Null). Das ist nicht viel für eine Mannschaft, die in die Europa-League möchte und die, wenn sie ehrlich ist, eigentlich am besten sofort wieder zurück in die Königsklasse will. Nicht viel für eine Mannschaft, der manchmal (und nicht nur von Rudi) sogar attestiert wird, sie sei die Zweitbeste der Bundesliga. Und nicht viel für eine Mannschaft, von der ich behaupte, dass sie sportlich nicht deutlich schlechter ist, als die wackere Elf von 2002.

Natürlich hat ein Kadlec nicht die Eleganz eines Diego Placente. Henrique hat nicht die Erfahrung eines Jens Nowotny und niemand die Durchschlagskraft eines Lucio. Renato Augusto hat vielleicht die Technik, aber noch nicht den Spielwitz eines Bernd Schneiders. Und solch präzise Flanken, wie sie von Zé Roberto geschlagen wurden, werden wir mittelfristig von Barnetta auch nicht mehr zu sehen bekommen. Natürlich war das Team damals besser – Qualität misst sich letztendlich immer am Erfolg. Doch sportlich – spielerisch – sind, denke ich, die Kompetenzen eher verschoben worden als verschwunden. Rolfes wird natürlich nicht die 17 Saisontore eines Ballacks machen. Dafür ist Helmes heute zuständig. Renato wird nicht das halbe Spielfeld umpflügen wie Schneider. Aber Kiesling und Vidal tun es. Ein Friedrich ist nicht der Typ, der mal eben das Spiel selbst in die Hand nimmt, wie Lucio. Aber ein Barnetta hat das Zeug dazu (auch wenn er es manchmal scheinbar verlegt hat). Die Kompetenzen haben sich verschoben – wenn man es genau betrachtet, haben sich die Kompetenzen sogar geordnet. Sie liegen nun dort, wo man sie erwartet. Die Verteidigung riegelt ab, die Abteilung Attacke attackiert. Und René Adler verhindert Tore, statt Elfmeter zu schießen.

Bayer 08/09 war eine gute, ambitionierte und talentierte Mannschaft. Keiner der Spieler muss sich vor Spielern der gleichen Position anderer Bundesligamannschaften verstecken. Das Team war harmonisch (Vielleicht sogar zu harmonisch, Herr Heynckes?). Das Team war aber eben auch berechenbar. Die seltenen Überraschungsmomente resultierten nur aus Instinktreaktionen einzelner Akteure, als zum Beispiel Helmes wie am 21. Spieltag die Fernsteuerung des Balles entdeckte oder Renato Augusto wie am 30. Spieltag anfing seine Beine zu verknoten. Ein Konzept – quasi berechnete Unberechenbarkeit – steckte nicht dahinter. Spätestens Ende der Hinrunde ist das den Bundesligamannschaften außerhalb Hoffenheims und Gladbachs aufgefallen und die spielerische Leichtigkeit hatte ein Ende.

Die Suche nach der Unberechenbarkeit hängt selbstverständlich auch mit der Suche nach einem Arschloch zusammen, nach jemandem der dazwischen haut, wenns sein muss. Denn dass die Castros, Rolfes und Kieslings eher der Traum einer jeden Schwiegermutter sind, wie die 11 Freunde in ihrem Saisonheft richtig feststellen, ist ja nichts Neues. Auch ein Vidal erinnert zur Zeit eher noch an einen Raufbold, als an einen Typen der Marke Nowotny, Ballack oder Kirsten.

Mit diesen Gedanken im Hinterkopf wundere ich mich, dass ich der neuen Saison so positiv gegenübertrete. Denn wir haben mit Hyypiä und Derdiyok mit Sicherheit Qualität, aber nicht unbedingt ein fußballerisches Kuriositätenkabinett verpflichtet.

Vielleicht stimmt es mich aber auch einfach nur zuversichtlich, dass mit Hyypiä wieder ein Hauch von 2002 in Leverkusen einkehrt.

¹Lustigerweise war das verlorene Spiel gegen Werder in jener Phase das einzige Spiel, dass nicht durch ein 0:1 aus Bayer-Sicht eingeleitet wurde.

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