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Wie ich Fußball gucke

Ich habe eigentlich keinen Schimmer von Fußball. Böse Zungen werden diesen Satz zitieren und entgegnen, dass dies der Grund sei, aus dem ich Leverkusen-Fan bin. Aber so meine ich das nicht. Ich meine das ungefähr so, wie Maricius von Hamburg Schwarz-Gelb es vor geraumer Zeit beschrieben hat. Bei mir ist es zugegebenermaßen nicht ganz so extrem, wie er es schildert. Aber was jetzt genau passiert, wenn Kießling als hängende Spitze spielt, statt als echte, also, welche taktischen Auswirkungen das hat, das weiß ich nicht. Klar, Kies spielt dann etwas weiter hinten, kommt dadurch schneller an die Bälle oder “holt sie sich gar selbst aus dem Mittelfeld”™. Dafür fehlt er dann möglicherweise vorne. Logisch. Aber wodurch diese hängende Spitze ihren Namen verdient, ist mir ein Rätsel.

Für mich ist das alles einfach nur der “Sturm”. Und der “Sturm-Bereich” (das ist jetzt kein Fachausdruck, ich weiß), das ist irgendwie ein vielleicht 700-800m² (das kommt einem jetzt verdammt groß vor, nech?)  großes Areal irgendwo am gegnerischen Strafraum bis knapp davor. Ob die Stürmer da jetzt nach rechts, links, hinten oder vorne laufen, springen, einen Handstand machen oder sich verbuddeln, interessiert mich nicht. Oder na ja: interessieren tut es mich vielleicht schon, aber ich bekomme es nicht mit. Ich sehe natürlich – in der Zeitlupe, vielleicht auch erst in der zweiten -, wenn der Depp¹ mal wieder den “Freien Raum”™ übersehen hat, aus welchem er ganz bequem den Ball hätte annehmen und in einer Manier hätte abschließen können, derer selbst ich fähig gewesen wäre – also unplatziert, lasch und mit einer unvorhersehbaren Höhe. Aber das hat ja rein gar nichts mit taktischem Verständnis zu tun.

Um den Bogen zurück zur hängenden Spitze zu schlagen: Wenn der Stürmer der Meinung ist, er bekommt zu wenig Bälle, dann soll er sich halt etwas zurückfallen lassen. Meinetwegen darf er sich – oder der Trainer ihn – dann auch hängende Spitze nennen. Warum er dann Sekunden später, nachdem er den erarbeiteten Ball auf die verbliebene(n) Sturmspitze gepasst hat und folgerichtig (oder nicht?) mit ins Sturmzentrum gelaufen ist, immer noch eine hängende Spitze sein soll ist mir schleierhaft. Oder ist er das dann nicht mehr?

Wem noch immer nicht klar geworden ist, was ich meine, wenn ich sage, dass ich keinen Schimmer von Fußball habe – vielleicht weil ich bisher rein zufällig eine professionelle und präzise Beschreibung der taktischen Position “hängende Spitze” geliefert habe -, dem sei es an einem weiteren Beispiel erläutert.

Michael Ballack soll bei uns künftig wieder offensiver spielen, als er es zuletzt bei Chelsea tat. Ob das heißt, dass wir von nun an mit Raute spielen und Ballack als ZM oder OM agiert, oder ob er als DM genau so spielen soll wie sein Nebenmann, bloß etwas offensiver (ich tippe ja auf Letzteres), das weiß ich nicht. Und was der genaue Unterschied wäre, weiß ich auch nicht. Das bedeutet nicht, dass ich keine Taktiktafel von erwähnten Varianten zeichnen könnte. Es bedeutet nur, dass ich, wenn ich so eine Tafel anfertigen würde, nicht wüsste, was ich da eigentlich tue. Das wäre dann nicht ganz so, als würde ich jetzt aus einer göttlichen Eingebung heraus anfangen arabisch zu schreiben, aber es wäre so, als würde ich anfangen, Französisch zu schreiben. Von Zweiterem sind aus der Schule immerhin ein paar Brocken übrig geblieben. Mais ce n’ est pas beaucoup. Oder so ähnlich.

Worauf ich hinaus will: Sowas wie das hier, das hier oder jenes von nebenan¹, das bekomme ich nicht hin. Nicht nur, dass ich Spiele nicht selbst so analysieren könnte – es ist sogar so, dass ich nach der Lektüre solcher Analysen nicht zuverlässig sagen könnte, ob es stimmt, was da steht oder nicht. Ich finde es trotzdem beeindruckend, wie jemand auf solche Weise Fußball gucken kann, obwohl er es nicht muss, da er weder Trainer noch Kommentator ist. Da steckt keine Ironie, keine Häme, kein Sarkasmus in meinen Worten:  Ich würde das auch gerne können und bin ein bisschen neidisch auf diese Fähigkeit. Es gibt Texte – da bereue ich es, sie nicht gebookmarked zu haben -, die lesen sich, als würde ein Weinkenner über einen guten (oder einen schlechten) Wein schreiben. Ich verstehe das dann zwar nicht alles, aber es fasziniert mich.

Ich habe das schon unzählige Male versucht. Immer wieder nehme ich mir vor, ein Spiel nicht nur zu sehen (und, nicht zu vergessen, zu genießen), sondern auch zu studieren. Ich will darauf achten, welcher Spieler in welcher Situation zu welchem anderen Spieler passt. Welcher Spieler wann seine Position offensiver oder defensiver interpretiert als zu Beginn des Spiels. Das funktioniert auch meistens ganz ordentlich. Für fünf Minuten. Irgendwann ist das weg, meistens ergreift mich das Spiel dann, insbesondere, versteht sich, wenn ich im Stadion bin. Spätestens die erste Torchance vernichtet meine Konzentration aber endgültig. Es ist – man entschuldige mir mein vielleicht überflüssiges Pathos – ein bisschen wie mit der Liebe. Am Anfang beschließt man womöglich rational und überlegt zu handeln, das hat schließlich immer seine Vorteile. Doch diese Vorsätze kann man normalerweise alsbald über den Haufen werfen, da die Sinne den Verstand über kurz oder lang erbarmungslos niederstrecken.

Wenn ich in der Halbzeit gefragt werde, wie das Spiel aus meiner Sicht bislang verlaufen ist, dann kann ich sagen wie gut oder wie beschissen es war. Die Analyse, dass die Hornochsen mal wieder zu viele hohe Pässe geschlagen haben, als man eher hätte flach spielen sollen, krieg ich auch noch hin. Aber mehr ist nicht drin. Wenn die ersten 45 Minuten eher ausgeglichen waren und sowohl der SVB als auch der Gegner drei “Hundertprozentige Chancen”™ generierten, habe ich zum Pausentee die Hälfte davon schon wieder vergessen. Die des Gegners versteht sich.

Was Fußball im Allgemeinen und Bayer 04 im Speziellen angeht, da kann ich weder fachlich, noch sachlich, noch objektiv bleiben. Es funktioniert einfach nicht.

¹ Um Missverständnissen zu vorzubeugen: damit ist nicht unbedingt oben genannter Kießling gemeint.

² Bis auf den letzten Link, welcher mir ein wenig die Inspiration für diese Zeilen lieferte (Danke, Stefan ;-) ), sind die Artikel relativ willkürlich ergoogelt. Es gibt, nicht zuletzt bei der Taktikbesprechung, natürlich noch unzählige solcher Art.

Über die Wahrhaftigkeit des Spielergebnisses -oder- Warum die Phrase “Am Ende zählen nur Tore” mehr als nur eine Platitüde ist

Das Ende einer jeden Halbserie bedeutet stets Trauer für den Fußballfreund. Doch des einen Leid ist des Anderen Freud. So bedeutet das Ende einer jeden Halbserie auch stets den Beginn einer wunderbaren Zeit für jeden Statistikfreund. Wohin man auch sieht, man wird mit Zahlen, Ranglisten und Balkendiagrammen nur so erschlagen. Bei der Betrachtung einer größeren Menge von Spielen (etwa einer Halbserie) kann dies sogar recht aufschlussreich sein. Doch selbst nach jedem einzelnen Spiel wird jeder Ballkontakt auseinander gepflückt, wodurch uns der Fußball erklärt werden soll. Nicht selten jedoch sind abstrakte und abgedroschen wirkende Phrasen präziser und seriöser als manche Statistik. Ob das sein kann? Natürlich, der Wetterbericht ist schließlich auch nicht immer besser als die Bauernregel.

Wenn die schlechtere Mannschaft das Spiel gewinnt

Wir schreiben den 25.02.2007. Leverkusen ist zu Gast bei Schalke 04. Es soll ein Spiel werden, das so bedeutsam für das Bild von Bayer 04 sein wird, wie lange zuvor und lange danach Keines mehr. Es soll das Spiel des René Adler werden. Er feiert auf Schalke sein Debüt, da Hans-Jörg Butt sich in der vorangegangenen Woche durch eine rote Karte selbst ins Aus schoss. Schalke dominiert das Spiel ab der 15 Minute, Bayer 04 kann kaum durchatmen. Wenige Minuten vor Schluss erzielt der eingewechselte Stefan Kießling das 1:0 für die Werkself, während Adler hinten die “Null” festhält. Am nächsten Tag wird der kicker ein Chancenverhältnis von 11:1 für die Schalker verzeichnen und René Adler zum “Mann des Tages” erklären.

Gut 1 1/2 Jahre später spielt Bayer Leverkusen am siebten Spieltag zu Hause gegen Hertha BSC Berlin. Vor dem Spiel steht Bayer Leverkusen auf dem zweiten Tabellenplatz. Natürlich war die Tabelle zu dieser Zeit noch nicht aussagekräftig, dennoch hatte der Bayer einen guten Lauf und mit 18:10 Toren die beste Tordifferenz der Liga. Und mit diesem Selbstbewusstsein treten sie auch auf. Berlin wird lange Zeit im eigenen Strafraum eingekesselt, der Sieg der Rheinländer scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Doch Drobny erwischt einen Sahnetag. Zwanzig Minuten vor Schluss werden die Leverkusener immer weniger zwingend und zunehmend nachlässiger. In der 89. Minute markiert der Ex-Leverkusener Andrey Voronin das 1:0 für die Hertha. Der kicker verzeichnet letztendlich ein Torschussverhältnis von 11:2 für Bayer 04 Leverkusen.

Beide Male standen am Ende drei Punkte für das schlechtere Team auf dem Papier. Beide Male hieß es am Ende, dass nächste Woche “eh keiner mehr fragt, wie das Ergebnis zustande gekommen ist”. Doch für jeden, den man innerhalb jener Wochenfrist fragte, stand auch beide Male fest, dass das jeweils schlechtere Team den Sieg für sich verbucht hatte.

Es gibt nichts, was man nicht in Zahlen ausdrücken könnte…

Für das Spiel gegen Schalke fehlt es mir leider an Aufzeichnungen. Doch dass mit Hertha BSC damals das schlechtere Team gewann, wurde umfassend und detailliert dokumentiert. So gewann laut bundesliga.de¹ Bayer Leverkusen 57% aller Zweikämpfe (52% in der Luft und 58% auf dem Boden) und hatte einen Ballbesitz von 61,5%. Während Leverkusen 79% ihrer 456 Pässe erfolgreich an den Mann bringen konnte, schafften die Berliner gerade mal eine Quote von 72% bei auch nur 283 Pässen. Und das ist noch nicht alles: Bayer Leverkusen bekam zwölf Ecken zugesprochen (die Berliner nur fünf) und wurde drei Mal im Abseits aufgefunden (zwei mal).

Diese Zahlenmasse lässt sich schier endlos erweitern und jede dieser Zahlen lässt sich bis auf ein kleinstes Teilchen zersplittern und analysieren. So könnte es für manch einen interessant sein, dass immerhin elf der 37 Leverkusener Flanken ihr Ziel erreichten, während kein einziger der 13 Versuche der Berliner zu einer brauchbaren Hereingabe taugte. Und nicht nur in der Gesamtheit des Spielfeldes hatte Bayer mehr Spielanteile, nein, auch wenn man die Mitte, die rechte und die linke Seite einzeln betrachtet, kommt man unweigerlich zu diesem Schluss.

Und doch waren es Arne Friedrich und Andrey Voronin, die den einen Weg, den einen Schlüssel, der das Spiel zu entscheiden vermochte, fanden. Manch einer mag versuchen diesen Wert, der in kaum einer Statistik auftaucht, “Effektivität” zu nennen und diese zu messen – und mag damit noch nicht einmal so falsch liegen. Doch wirklich gewürdigt wird diese Fähigkeit, mit möglichst wenigen Versuchen möglichst viele wertvolle Aktionen zu generieren, viel zu selten. Dabei ist es nicht immer, wie vielleicht im Spiel der Leverkusener gegen Schalke, die Kombination aus Unvermögen des Kollektivs und Genialität des Einzelnen, die ein Spiel “auf den Kopf stellen” kann, sondern häufig sogar eine Kunst, den Gegner in den Statistiken des nächsten Tages als überragenden Akteur des Spieles hinzustellen und selber die Punkte einzufahren.

Natürlich haben Adler und Drobny in den jeweiligen Spielen sensationell gehalten. Doch keiner der Torschüsse war unhaltbar, denn Unhaltbare² werden nun einmal – das liegt in der Natur der Sache – nicht gehalten. Die Torleute haben auch in diesen Spielen keine Magie angewandt. Sie haben es einfach geschafft, über 90 Minuten die Konzentration hoch zu halten und haben zu jedem Zeitpunkt die richtige Balance aus Ruhe und Entschlossenheit gefunden, kurz gesagt: Sie haben ihren Job gemacht. “Unhaltbare” Chancen gab es in diesen Spielen genau aus dem Grund nicht, weil die Defensivabteilungen sie nicht zugelassen haben. Die Abwehrreihen hatten gewiss nicht ihre besten Tage und selbstverständlich wären sie auch nicht traurig drum gewesen, die ein oder andere Chance mehr zu vereiteln. Und dennoch haben sie es geschafft, die goldenen Chancen zu vereiteln. Wenn man einen guten Keeper hat, reicht das manchmal. Am Ende kassieren diese Abwehrmänner in den einschlägigen Medien trotzdem ihre 4,5 gegen die man auch nicht so recht etwas einwenden möchte. Dies ist für mich ein Beispiel von Fehlinterpretation der Statistiken.

…und doch so viel.

Der Kommentator solcher Spiele erklärt am Ende regelmäßig, dass man nur gewinnen kann “wenn man Tore macht”, da ja schließlich “nur Tore zählen”. Diese Gedanken werden leicht ausgesprochen, wird doch schon im Moment der Aussage ihre Wahrhaftigkeit implizit verkannt. Denn insgeheim ist es nicht das, was man möchte. Man möchte, dass die Mannschaft belohnt wird, die Torchancen generiert, die aufwendig spielt. Man möchte, dass die Ergebnisse öfter “spielgerecht” sind, vergisst dabei jedoch, dass das Ergebnis sich selbst rechtfertigt und dass das eigene Gerechtigkeitsempfinden das Resultat einer irrationalen und persönlichen Definition ist. In einem Sport wie König Fußball, in dem hin und wieder sogar drei Eigentore des Gegners das Spiel entscheiden, fallen schlicht und ergreifend zu wenige Tore, als dass diese immer eine brauchbare Kenngröße für den Spielverlauf und den ihm zugrunde liegenden Statistiken sein könnten. Die Tore sind, wenn man so will, nur eine Kenngröße ihrer selbst. Damit will ich sagen: Der Sinn des Fußballs manifestiert sich einzig und alleine in den geschossenen Toren. Und das ist nicht einfach nur ein blöder Spruch.

Und um das festzuhalten: Die hier angesprochenen Spielstatistiken sind nicht unbedingt eine schlechte Sache. Jede Statistik sagt schließlich etwas aus. Eine seriöse Wissenschaft wird daraus aber noch lange nicht. Der Wert der Statistiken wird zuweilen maßlos überschätzt. Denn jede Statistik beschreibt nur einen Bruchteil des tatsächlichen Spieles. Die Torschussstatistik beispielsweise sagt nicht mehr und nicht weniger aus als: Team A hat so und so oft auf das Tor geschossen, Team B dagegen etwas weniger. Das war’s dann aber auch schon. Dass die Qualität der jeweiligen Torschüsse in dieser Statistik keine Beachtung findet, ist nur das offensichtlichste Problem dabei. Fußball ist nicht so einfach, als das es sich in Zahlen pressen ließe. Zumindest dann nicht, wenn es sich nur um eine endliche Menge von Statistiken handelt. Würde man alle erdenklichen Statistiken erstellen können und auswerten, das Spiel also komplett auf Zahlen abbilden, würde man aus dieser “Super-Statistik” ablesen können, wieso ein Team ein Spiel gewonnen oder verloren hat. In letzter Konsequenz bedeutete dies natürlich, dass jeder Sieger ein verdienter Sieger ist. Schimpft mich einen Romantiker, aber: So ist es ja auch.

Zufall oder Schicksal?

So phrasenhaft und paradox der folgende Satz erscheint: Eine gute Aktion, die nicht zum Torerfolg führt, ist keine gute Aktion. Und so sehr ein Trainer auch verzweifeln muss, wenn er sich folgenden Satz auf der Zunge zergehen lässt: Eine gute Taktik zeichnet sich nur dadurch aus, dass durch sie die Wahrscheinlichkeit auf gute Aktionen signifikant erhöht wird. Gute Aktionen entstehen durch individuelle Fähigkeiten, kurze gedankliche Aussetzer des Gegners und manchmal sogar Papierkugeln. Erzwungen werden können diese Aktionen durch Taktik aber nicht. Es handelt sich dabei aber weder um Zufälle (die Papierkugel lassen wir mal außen vor) noch um (Gott bewahre) Schicksal. Es handelt sich nur um den stetigen, 90 Minuten währenden Versuch die Gunst der positiven Ereignisse in die eigene und die Gunst der negativen Ereignisse in die gegnerische Richtung zu kippen.  Wenn das einen stört, muss man sich Basketball, Handball oder eine beliebige Rückschlagsportart ansehen. Bei diesen Sportarten zerschießt ein “Glückspunkt” deutlich seltener alle Statistiken, einfach daher, weil er viel weniger zählt. Doch, wenn man sich Fußball ansehen möchte, dann ist genau diese Unberechenbarkeit und die Irrelevanz vergangener Spielszenen³ (also jener, die nicht mit einem Tor endeten) das, was einen reizt. Und wenn man das nicht einsehen möchte, hilft es nur sich damit zu trösten, dass sich “alles irgendwann ausgleicht”. Denn auch das ist mehr als nur eine Platitüde.

¹Bzw. die Opta Sport Daten AG, die offenbar für die Statistiken von bundesliga.de verantwortlich ist.

²Jedenfalls wenn man von den echten Unhaltbaren spricht und nicht von denen, bei denen ein Torhüter mit schlechtem Stellungsspiel und guter Antizipation eine sogenannte Glanzparade provoziert.

³Keine Spielszene ist gänzlich irrelevant, wird doch durch jede schöne, wenn auch erfolglose Aktion, mit Sicherheit die eigene, wie auch die gegnerische Psyche direkt oder indirekt (durch die Stimmung des Publikums) beeinflusst, was sich auf zukünftige Szenen und somit auch auf den Spielausgang auswirken wird. Das steht außer Frage.

Ein Spielfeld voller Pillen

Ich will mich wirklich nicht dranhalten. Aber es scheint ja tatsächlich etwas dran zu sein. Womöglich werden wir also in den folgenden Tagen unseren nächsten defensiven Mittelfeldmann begrüßen können: Lars Bender. U19-Europameister, dementsprechend deutsch und vor allen Dingen jung. Sicher ein guter Mann. Bayer’sche Transferpolitik der Neuzeit par excellence. Gefällt mir ja eigentlich.

Dennoch motiviert mich dieser Umstand dazu, einmal ein Schaubild anzufertigen. Das ganze erinnert ein wenig an Tapeten aus den 70ern, ergibt aber dennoch etwas Sinn. Et Voilà:

pillenfeldSmall

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Was soll das alles bedeuten, bitte?

Das Ganze ist vielleicht nicht vollkommen selbsterklärend, daher folgt nun eine Anleitung, wie dieses Schaubild zu lesen ist:

Wir sehen elf bzw. 20 Kreise (streng genommen sind es sogar 22)  auf einem Spielfeld verteilt. Sie sind angeordnet wie das 4-4-2 mit Raute, das Bayer 04 derzeit zu spielen pflegt. Die Größe der Kreise steht für die Anzahl der Spieler, die uns auf der jeweiligen Position zur Verfügung stehen.

Die äußeren (bzw. unteren) Kreise stehen dabei jeweils für alle Spieler, die laut ihrem Profil bei transfermakt.de auf der jeweiligen Position spielen können. Dabei musste ich allerdings eine Ausnahme machen: Gonzo Castro ist auf dem Schaubild nicht nur rechts in der Abwehr und im Mittelfeld, sondern auch auf der von ihm präferierten Position des defensiven Mittelfeldspielers anzutreffen. Das System von transfermarkt.de kennt allerdings keine Außenspieler, die gleichzeitig die 6er-Position ausfüllen können.

Des Weiteren habe ich dieses Bild zunächst nur für die Hinrunde erstellt, Patrick Helmes entfällt also aus der Wertung.

Diese Daten von tm.de zu nehmen ist zwar halbwegs objektiv, passt mir aber nicht an allen Stellen.  So mag es sein, dass Barnetta beide Außenbahnen beackern kann – auf der rechten Abwehrposition möchte ihn dennoch nicht sehen.  Daher existieren die inneren Kreise, die jene Spieler repräsentieren, die auf der jeweiligen Position meiner Einschätzung nach tatsächlich zu gebrauchen wären.

Der Farbton soll die “Qualitätshomogenität” auf einer Position symbolisieren. Dies kann in den vielen Fällen so verstanden werden: “Wie groß ist der Konkurrenzkampf auf dieser Position?” Ganz korrekt ist diese Fragestellung allerdings nicht. Ein kurzes Beispiel dazu: Nur weil laut tm.de sieben Spieler auf der rechten Abwehrseite spielen können, findet dort ja nicht weniger Konkurrenzkampf statt als zwischen den beiden Spielern, die ich auf diese Position gesetzt habe (denn im Endeffekt finden sich diese beiden Spieler ja auch im großen Kreis wieder). Ein “weniger tauglicher” Spieler wertet daher nicht den Konkurrenzkampf ab, sondern eben die Qualitätshomogenität, was, wie ich glaube, ein ganz passender Begriff dafür ist.

Speziell zu betrachten sind des Weiteren die Positionen der Innenverteidiger und der Stürmer, da es es von diesen Spielern jeweils zwei in der Startaufstellung gibt, die weitestgehend austauschbar sind. Auf diesen Positionen habe ich die verfügbaren Spieler aufgeteilt. Dennoch gleichen sich weder die Mittelstürmer- noch die IV-Positionen. Dies liegt daran, dass ich denke, dass zum einen Sami Hyypiä schon relativ fest im Sattel sitzt (demnach ist Hyypiä im Bild auf der linken, dunkleren Seite zu finden), während es Richard Sukuta-Pasu auf seiner Position im Sturm nicht einfach hat (ergo ist offensichtlich auch dieser links, ebenfalls im dunklen Kreis, anzutreffen).

Und worauf möchtest du nun hinaus?

Lange Rede, kurzer Sinn: Dieser große, feuerrote Punkt dort in der Mitte – braucht der noch einen Mann mehr? Jetzt sofort?

Aber auch davon abgesehen, bietet dieses Bild Raum für Interpretationen, wie ich finde. Soll keiner glauben, ich hätte dieses Ding nur wegen meinem persönlichen DM-Problems erstellt.

Bayer Leverkusen und die Suche nach der Unberechenbarkeit

Butt – Sebescen, Lucio, Nowotny, Placente – Schneider, Ballack, Zé Roberto, Bastürk – Kirsten, Brdaric

Was diese Aneinanderreihung von Namen zu bedeuten hat, muss ich wohl den Wenigsten erklären. Obgleich man nicht unbedingt wissen muss, dass dies die Elf war, die 2002 an einem legendären Dienstagabend den englischen und damals alleinigen Rekordmeister FC Liverpool bezwungen hat, so wird doch jeder erahnen können, dass oben gelistete Mannen irgendetwas mit dieser einzigartigen Saison 2001/2002 zu tun haben müssen.

Und Liverpool – das sind eben die, die normalerweise selber dafür bekannt sind durch einen gesunden Mix aus Moral, Ehrgeiz und einer Prise Übermut Europas Fußballmächte auf dramaturgisch wertvolle Weise zu bezwingen. Damals, 2002, schienen sie dem Willen einer Werkself aus dem Großdorf mit der ähnlich klingenden Präposition nicht viel entgegensetzen zu können. Leverkusen lag nach dem Hinspiel in Liverpool 0:1 zurück und war auch während des Rückspiels nach den Toren zum 1:1 und zum 3:2 so gut wie ausgeschieden. Doch Bayer drehte dieses Spiel auf eine Art und Weise, wie es nie wieder ein Spiel drehen würde. 15 Jahre alt war ich, hockte zitternd vor dem Fernseher und muss ein ums andere mal meine Mutter durch einen Freudenschrei (der natürlich regelmäßig aktualisiert werden musste) geweckt haben.

Und dieses Spiel im Viertelfinale der Champions League 2001/2002 steht nur symbolisch für eines von vielen aus jener denkwürdigen Saison: Vom zehnten bis zum 16. Bundesligaspieltag geriet die Bayer-Elf acht mal in Rückstand (gegen Nürnberg doppelt) und gewann dennoch sechs der sieben Spiele¹.

Adler – Castro, Friedrich, Henrique, Kadlec – Renato Augusto, Rolfes, Barnetta, Vidal – Helmes, Kiesling

Diese ungleich weniger legendäre Elf, besteht aus den Spielern, die in der vergangenen Spielzeit zumeist das Bayer-Kreuz spazieren führen durften. Vom verletzten Schneider einmal abgesehen, stand kein Spieler des damaligen Teams im Kader. Gedrehte Spiele: 0 (In Worten: Null). Das ist nicht viel für eine Mannschaft, die in die Europa-League möchte und die, wenn sie ehrlich ist, eigentlich am besten sofort wieder zurück in die Königsklasse will. Nicht viel für eine Mannschaft, der manchmal (und nicht nur von Rudi) sogar attestiert wird, sie sei die Zweitbeste der Bundesliga. Und nicht viel für eine Mannschaft, von der ich behaupte, dass sie sportlich nicht deutlich schlechter ist, als die wackere Elf von 2002.

Natürlich hat ein Kadlec nicht die Eleganz eines Diego Placente. Henrique hat nicht die Erfahrung eines Jens Nowotny und niemand die Durchschlagskraft eines Lucio. Renato Augusto hat vielleicht die Technik, aber noch nicht den Spielwitz eines Bernd Schneiders. Und solch präzise Flanken, wie sie von Zé Roberto geschlagen wurden, werden wir mittelfristig von Barnetta auch nicht mehr zu sehen bekommen. Natürlich war das Team damals besser – Qualität misst sich letztendlich immer am Erfolg. Doch sportlich – spielerisch – sind, denke ich, die Kompetenzen eher verschoben worden als verschwunden. Rolfes wird natürlich nicht die 17 Saisontore eines Ballacks machen. Dafür ist Helmes heute zuständig. Renato wird nicht das halbe Spielfeld umpflügen wie Schneider. Aber Kiesling und Vidal tun es. Ein Friedrich ist nicht der Typ, der mal eben das Spiel selbst in die Hand nimmt, wie Lucio. Aber ein Barnetta hat das Zeug dazu (auch wenn er es manchmal scheinbar verlegt hat). Die Kompetenzen haben sich verschoben – wenn man es genau betrachtet, haben sich die Kompetenzen sogar geordnet. Sie liegen nun dort, wo man sie erwartet. Die Verteidigung riegelt ab, die Abteilung Attacke attackiert. Und René Adler verhindert Tore, statt Elfmeter zu schießen.

Bayer 08/09 war eine gute, ambitionierte und talentierte Mannschaft. Keiner der Spieler muss sich vor Spielern der gleichen Position anderer Bundesligamannschaften verstecken. Das Team war harmonisch (Vielleicht sogar zu harmonisch, Herr Heynckes?). Das Team war aber eben auch berechenbar. Die seltenen Überraschungsmomente resultierten nur aus Instinktreaktionen einzelner Akteure, als zum Beispiel Helmes wie am 21. Spieltag die Fernsteuerung des Balles entdeckte oder Renato Augusto wie am 30. Spieltag anfing seine Beine zu verknoten. Ein Konzept – quasi berechnete Unberechenbarkeit – steckte nicht dahinter. Spätestens Ende der Hinrunde ist das den Bundesligamannschaften außerhalb Hoffenheims und Gladbachs aufgefallen und die spielerische Leichtigkeit hatte ein Ende.

Die Suche nach der Unberechenbarkeit hängt selbstverständlich auch mit der Suche nach einem Arschloch zusammen, nach jemandem der dazwischen haut, wenns sein muss. Denn dass die Castros, Rolfes und Kieslings eher der Traum einer jeden Schwiegermutter sind, wie die 11 Freunde in ihrem Saisonheft richtig feststellen, ist ja nichts Neues. Auch ein Vidal erinnert zur Zeit eher noch an einen Raufbold, als an einen Typen der Marke Nowotny, Ballack oder Kirsten.

Mit diesen Gedanken im Hinterkopf wundere ich mich, dass ich der neuen Saison so positiv gegenübertrete. Denn wir haben mit Hyypiä und Derdiyok mit Sicherheit Qualität, aber nicht unbedingt ein fußballerisches Kuriositätenkabinett verpflichtet.

Vielleicht stimmt es mich aber auch einfach nur zuversichtlich, dass mit Hyypiä wieder ein Hauch von 2002 in Leverkusen einkehrt.

¹Lustigerweise war das verlorene Spiel gegen Werder in jener Phase das einzige Spiel, dass nicht durch ein 0:1 aus Bayer-Sicht eingeleitet wurde.

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