TSG Hoffenheim | lauthals

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Wir müssen uns mal unterhalten.

Es ist ein Uhr. Nachts. Also, zu dem Zeitpunkt, an dem ich diesen Artikel veröffentlichen werde sicher schon längst nicht mehr, doch als ich anfing ihn zu schreiben, da war es ein Uhr. Nachts ¹. Ich kann nicht schlafen. Bis eben wälzte ich mich noch im Bett umher. Wie so häufig, wenn es ein Uhr Nachts ist, war es zwei Stunden zuvor noch 23 Uhr. Da las ich diesen offenen Brief an Dietmar Hopp. Von schwatzgelb.de, diesen hier. Und der lässt mir keine Ruhe.

In Ihrem (Dietmar Hopps, Anmerkung der zehnfingrigen lauthals.de-Redaktion) Falle ist es doch aber so, dass Fans aller Vereine, außer vermutlich Leverkusen, Wolfsburg und RB Leipzig, das Projekt Hoffenheim konsequent ablehnen. Diese Ablehnung betrifft aber in ähnlichem oder gleichem Maße Bayer Leverkusen, den VfL Wolfsburg und ganz besonders RB Leipzig.

Nun, dies wird mein Aufhänger für diesen Artikel sein. Ich möchte zwar schon lange über dieses Thema schreiben, doch es gab verschiedene Gründe, warum ich es nicht getan habe.

Zunächst wurde darüber schon gefühlte, na komm, ich sags, mir fällt ohnehin keine bessere Zahl ein, also: gefühlte 1904 Mal über dieses Thema gesprochen. Allerdings: Dieses Blog hat dieses Thema bislang höchstens touchiert und fußnotiert. Das letzte Mal ist gar nicht so lange her. Nun, so ist das Ziel, wird es also endlich einen Grundsatzartikel an dieser Stelle geben. Einen, auf den ich vielleicht bei zukünftigen Diskussionen einfach mal verlinken kann, damit es mich keine oder zumindest nur noch weniger Nerven kostet.

Ein weiterer Grund ist, dass ich darüber eigentlich gar nicht jammern möchte. Et es wie et es. Nachher heißt es bloß: “Sieh mal, diese Bayer-Fans. Identitätskrise. Kein Selbstvertrauen. So sind sie, die Anhänger der Retorte, müssen sich für ihre Fanschaft rechtfertigen.” Na ja, dazu später mehr.

Der letzte Grund, aus dem es bislang noch keinen Artikel von mir dazu gab: Ich habe schlicht noch keinen anständigen Aufhänger gefunden. Endlich habe ich einen – und den kann man auch noch ordentlich zitieren, siehe oben.

Zur Sache: Ich würde sehr gerne erklärt bekommen, was Bayer 04 Leverkusen von vermeintlichen Traditionsvereinen abgrenzt und was es stattdessen mit Clubs wie der TSG Hoffenheim oder aber auch RB Leipzig ²  verbindet. Ernsthaft. Vielleicht verstehe ich es ja tatsächlich bloß nicht.

Es folgt ein kurzer Abriss der Vereinsgeschichte:

Am 1. Juli eines bekannten, glorreichen Jahres wurde auf Anfrage von 170 Arbeitern des Bayerwerks ein Verein mit dem wohlklingenden Namen Turn- und Spielverein 1904 der Farbenfabrik vormals Friedrich Bayer Co. Leverkusen gegründet. Dabei möchte ich nicht darauf hinaus, dass der Verein mittlerweile seit über 100 Jahren existiert. Ich reite schließlich auch nicht darauf herum, dass der 1. FC Köln gerade mal seit 63 Jahren besteht. Beide Gründungen datieren deutlich früher als meine Geburt, deswegen ist diese Tatsache für mich nichts weiter als ein netter Bonus. Worauf ich wirklich hinaus möchte: Die Arbeiter eines Konzerns dachten sich dazumal: “Leute, lasst uns gemeinsam Sport machen. Fußball zum Beispiel. Aber nicht nur. In einem Verein. In unserem Verein. Fragen wir doch mal die Herrschaften von oben, ob die uns bei einer Gründung nicht ein wenig unterstützen können.” Und, was ganz wichtig dabei ist: Die Arbeiter dachten sich nichts Böses dabei. Es lag einfach nur auf der Hand. Während (nebenbei bemerkt fünf Jahre später) sich in Dortmund einige Jugendliche auf dem Borsigplatz trafen und vermutlich Ähnliches dachten, traf maf sich in Leverkusen nunmal im Bayerwerk. Und während man sich in Dortmund einer Stadt verschrieb, verschrieb man sich in Leverkusen einem Werk. So what?

Im Laufe der nächsten knapp 50 Jahre entwickelte sich die Fußballabteilung, eingegliedert in den SVB, kontinuierlich weiter bis endlich der Aufstieg in die damalige höchste deutsche Spielklasse erreicht wurde, die Oberliga. 1951 war das. Gerade rechtzeitig eigentlich um Punkte für die Zwölfjahreswertung zu sammeln und sich dadurch als Kandidat für ein Gründungsmitglied der ersten deutschen Bundesliga zu empfehlen. Wenn man denn in der Saison 55/56 nicht hätte absteigen und daraufhin geschlagene sechs Jahre auf den Wiederaufstieg hätte warten müssen. Aber nun ja: So oder so hatte die Qualifizierung für die erste Saison der Bundesliga offenbar nicht nur sportliche Gründe. Aber das ist ein anderes Thema.

Ich möchte euch nicht mit weiteren Details von anno dazumal bis zum derzeitigen Status Quo langweilen, dabei hilft euch schließlich die Wikipedia. Es wäre eine Lüge, würde ich behaupten, ich hätte dort nicht auch selbst nachschlagen müssen. Fakt ist: Der SVB hat eine lebendige Geschichte. Die Solidarität aus Offenbach, das spektakuläre Comeback im Rückspiel des UEFA-Pokalfinales gegen Espanyol Barcelona, die Entstehung einer der ersten Ultra-Szenen Deutschlands, die Mutter aller Abstiegsdramen 1996, das Vize-Syndrom, Reiner Calmund und der Einzug ins Champions League Finale in Glasgow sind da nur die Highlights.

Dass die goldenen Jahre um Reiner Calmund und die Jahrtausendwende herum, durchaus auch dunkle Jahre waren, dürfte klar sein. Wir lebten derzeit weit über unsere Verhältnisse, was die spätere und erst vor wenigen Jahren abgeschlossene Konsolidierung zur Folge hatte – ganz ähnlich lief es im Übrigen auch bei der Borussia aus Dortmund, die den Hals ebenfalls nicht voll bekam. Schließlich stützt uns der Bayer-Konzern nicht annähernd so sehr, wie viele sich das gerne vorstellen. Wie jeder andere Sponsor auch, unterstützt Bayer uns nur dann, wenn es auch selbst etwas davon hat. Das war schon bei der Gründung so und hat sich bis heute nicht geändert. In den ersten Jahren nach 1904 war die finanzielle Zuwendung wohl relativ gering, diente der Verein doch nur dem innerbetrieblichen Zusammenhalt und zur Stärkung der Identifikation mit dem Werk. Heute dient der Verein – wie jeder andere Verein auch – dem Werk als Werbeträger. Dabei springt für den Verein etwas mehr heraus als ein anderer Sponsor einem anderen Verein vergleichbarer Größe zahlen würde. Das ist mehr als verständlich. Schließlich handelt es sich bei Bayer nicht um einen Retortensponsor, sondern um einen der mit dem Verein gewachsen ist. Bayer gehört zur Geschichte von Bayer 04 Leverkusen. Der SVB trägt die Buchstaben Bayers im Namen und verewigt das Markenzeichen in seinem Wappen – nicht um Kohle abzuschöpfen, sondern aus Identifikation und Tradition. Dass dadurch nebenbei tatsächlich etwas mehr Kohle abfällt, ist nur selbstverständlich und gerechtfertigt. Dagegen beschwert sich in Leverkusen auch niemand darüber, dass sie beispielsweise ihr Stadion selber bezahlen müssen (wenn auch auf Pump bei der Bayer AG), während andere Vereine ihr Hütte zu Großteilen von Bund und Ländern finanziert bekommen. Die Identifikation geht soweit, dass Leverkusener Bürger und Fanclubs des Vereins vor knapp vier Jahren Initiativen starteten, das zum Abriss vorgesehene Bayer-Kreuz zu retten – mit Erfolg.

Die Lage in Leverkusen stellt sich so dermaßen anders dar als in Hoffenheim, Malaga, Chelsea und den unzähligen anderen Vereinen, die einen Mäzen ihr eigen nennen dürfen. Mäzene handeln nicht aus einer wirtschaftlichen Vernunft heraus. Diese haben theoretisch die Möglichkeit, unbegrenzte Geldmittel in einen Verein zu schießen, so lange sie der Meinung sind, dass sie es sich leisten können. Wenn sich das am Ende nicht rechnet, stört sie das vermutlich nicht.

Dabei ist der Begriff “wirtschaftliche Vernunft” vermutlich schon einer, bei dem sich bei einigen selbsternannten Fußballtraditionalisten die Zehennägel zusammenrollen. Das kann ich durchaus nachvollziehen. Auch ich würde lieber in einer Welt, besonders in einer Fußballwelt, ohne Werbung und Kommerz leben. Tatsache ist aber, dass wir eigentlich glücklich sein können mit dem wirtschaflichen Einfluss, dem der Fußball sich ausgesetzt sieht. So hässlich dieser Einfluss auch sein mag: Er gibt dem Geschehen der Branche wenigstens einen klaren Rahmen und eine gewisse Berechenbarkeit. Ganz im Gegensatz zu einem Mäzenen-System, welches entweder faktisch oder meinetwegen auch nur potenziell der Willkür unterliegt.

So sehr ich meine Phantasie auch auszureizen versuche: Die Finanzierung der Vereine kann es einfach nicht sein, was den SVB in euren Augen mit der TSG Hoffenheim verbindet. Was ist es dann? Ist es die Masse der Fans? Häufig frage ich mich ja wie groß der Anteil derer ist, die in Dortmunds Südtribüne stehen, einfach nur, weil es gerade en vogue ist Dortmundfan zu sein und ein als Teil der gelben Wand zu gelten. Wir, die im C-Block stehen, sind nicht annähernd so zahlreich, aber da kann ich mir zumindest sicher sein, dass es jeder, der sich dort einfindet, ernst meint und nicht dort ist, weil er damit prahlen möchte. Wenn es also tatsächlich bloß die schiere Masse sein sollte, die uns angeblich unterscheidet: In Ordnung, geschenkt.

Wenn aber nicht: Dann erklärt es mir bitte. Ich habe nichts dagegen, wenn wir die Pillen genannt werden oder wenn sich darüber lustig gemacht wird, dass wir nie deutscher Meister werden. Wie weiter oben gesagt: Ich möchte ja gar nicht jammern. Das gehört zum Fußball, das gefällt mir und das kontere ich im Stadion auch gerne. Doch wenn gewisse Vorwürfe in einen vor Sachlichkeit nur so triefenden Nebensatz ³ gepackt werden, wie dem weiter oben zitierten, dann geht mir das auf den Keks.

Wir, dass heißt wir Fußballfans, genau genommen heißt es eigentlich wir Vereinsfans, sind im weitesten Sinne doch alle Fundamentalisten. Machen wir uns nichts vor. Es wird schwierig meine Meinung zu meinem Verein zu ändern, so schwierig es ist, eure Meinungen zu ändern. Darum muss es hier auch nicht gehen. Dennoch würde es mich freuen, wenn meine vielleicht etwas begrenzte Sichtweise an dieser Stelle etwas erweitert wird. Ich weiß, dass es sehr viele Menschen gibt, auch außerhalb der Leverkusener Fanszene, die das Ganze so ähnlich sehen wie ich. Und natürlich freue ich mich auch über Kommentare dieser Seite, genau so, wie ich mich immer über jeden einzelenen Kommentar freue – also lasst euch jetzt nicht abschrecken. Dennoch geht es mir hier hauptsächlich um die Gegenseite. Wenn ihr jetzt also denkt: “Was verzapft der schon wieder für einen Unsinn?” – Dann dreht euch bitte nicht einfach um und geht weiter, sondern erklärt mir die Schwächen in meiner Argumentation. Es ist mir ein Anliegen.

In diesem Sinne: Nur der SVB. ⁴

¹  In der Tat ist diese Nacht jetzt schon mehrere Tage her. Nicht, dass ihr euch über die zeitliche Divergenz zwischen dem Erscheinen des offenen Briefs und dieses Artikels wundert.

² In diesem Artikel soll es allerdings hauptsächlich um eine Abgrenzung zum Mäzenentum gehen. Dass sich Bayer Leverkusen auch deutlich von Vereinen wie RB Leipzig abhebt sollte im Laufe des Artikels zwar auch deutlich werden, aber darauf wird hier nicht weiter eingegangen.

³ Nein, es handelt sich bei dem Beispiel oben nicht um einen Nebensatz. Ich fand dennoch, dass es sich so dramatischer anhört.

⁴ Oder dürfen das nur HSV-Blogs? Mir war gerade so danach.

Souveränität

Gestern spielte der SVB gegen Werder Bremen. Dass es in diesem Artikel nicht um dieses Spiel gehen kann, sollte jedem klar sein, der die Bedeutung des Wortes “Souveränität” kennt. Obwohl. Eigentlich ist das Thema dieses Artikels weniger Souveränität, sondern das Fehlen einer solchen. Nichtsdestotrotz geht es hier um ein Spiel des Samstages, nämlich um das der TSG Hoffenheim gegen die Borussia aus Dortmund.

Bei diesem Spiel wurde der Gästeblock offenbar mit Störgeräuschen beschallt, sobald dort Schmähgesänge gegen Dietmar Hopp ertönten. Nun sitze ich also hier und bin fest dazu entschlossen meine Gedanken dazu niederzuschreiben. Allein: Mir fehlen die Worte.

Womöglich hatte der Verein damit tatsächlich nichts zu tun und nichts davon gewusst. Ich kann mir das zwar nicht vorstellen, aber das sollen andere ermitteln. Mich erschüttert hingegen vielmehr, dass einigen (meinetwegen auch nur einigen wenigen), die Tragweite einer solchen Aktion (so sie denn tatsächlich durch den Verein gebilligt war) nicht bewusst zu sein scheint.

Es mag nicht in Ordnung sein, es mag sogar gegen den ein oder anderen Gesetzesparagraphen verstoßen, was aus der Dortmunder Kurve tönte (Nein, das Stadion ist kein rechtsfreier Raum. Höhö). Natürlich ist es nicht okay, wenn gar die Mutter Dietmar Hopps mit in die Sache hineingezogen wird. Aber jetzt tun wir doch mal nicht so, als hätte man damit nicht rechnen können, als man sich entschloss, Mäzen einer Fußballmannschaft zu werden. Jetzt tun wir doch mal nicht so, als hätten gewisse Herren nicht schon lange vor Hopp ähnliche Schmähungen für viel weniger ertragen müssen. Uli Hoeneß, Tim Wiese, Oliver Kahn – die Liste ist natürlich endlos. Interessant ist, dass auch der Dortmunder Anhang selbst in dieser Liste vertreten ist, gelten die Mütter der Dortmunder doch mitunter als, nun, Arbeitnehmerinnen einer Branche, der die Mutter Hopps vermeintlich ebenfalls angehöre.

Jetzt kann es keine Rechtfertigung sein, dass etwas, das schon sehr lange praktiziert wird auch gleichzeitig in Ordnung ist. Doch durch die Konditionierung von Fußballfans stellt man sich nicht nur auf die gleiche Stufe wie die Schmähsänger, man platziert sich sogar noch weit unter deren Niveau. Es ist schließlich schlicht ein Unterschied, ob eine Aktion von einer spontan agierenden, lebenden und privaten Masse ausgeht oder von einer öffentlichen, professionellen und – hoffentlich – vorausdenkenden Struktur.

Meine Theorie ist ja, dass die TSG zu wenig Zeit hatte in den Alltag des Profifußballs hineinzuwachsen. Sowohl der Verein als auch die Anhängerschaft wurden mit der Bundesliga überrollt und sind noch immer dabei sich zu orientieren. Ich kann da schlicht zu mehr Souveränität raten. Der SVB wird selbst nicht gerade ständig mit Sympathie überschüttet, wir wissen also wie das ist¹. Wir versuchen es mit dem Prinzip Selbstironie – und das nicht erst seit der Werkselfkampagne von Seiten des Vereins. Und ich würde mal darauf wetten, dass sich kein BVB-Fan darüber beschweren würde, wären ihre Gesänge, statt durch einen Lautsprecher, durch Kontergesänge der TSG-Fans übertönt worden. Auch dann nicht, wenn aus dem 1899-Block Pfiffe gekommen wären, die so ähnlich geklungen hätten wie die Störgeräusche. Mit autoritären Mitteln schießt man sich hingegen nur Eigentore.

¹ Wobei ich an dieser Stelle anmerken möchte, dass es mich unfassbar nervt, wenn mein Verein in einen Topf mit der TSG geschmissen wird, was schlicht und einfach unsinnig ist. Auch mir gefällt vieles nicht, was bei der TSG passiert.

Meckern unerwünscht: TSG Hoffenheim – Bayer 04 0:3

Ich hatte es ja gesagt: Hoffenheim tritt erneut ohne Abwehr an, wie das dritte Tor deutlich belegt. Ebenfalls vakant: Der Sturm. Dies wiederum zeigt die Anzahl der von Hoffenheim geschossenen Tore.

Doch schauen wir der Wahrheit ins Gesicht, so schwer es fallen mag. Dieser Sieg, gerade in solcher Höhe, ist mehr als schmeichelhaft und nur einigen wenigen Einzelkönnern zu verdanken, die da wären: Hyypiä, Schwaab, Reinartz, Barnetta und, na ja, ihr wisst schon wer (Ja genau, der schon wieder). Der Rest des Teams wirkte erschreckend fehleranfällig.

Insgesamt war es vielleicht das zerfahrenste Spiel, dass die Mannschaft in der bisherigen Saison abgeliefert hat. Viel Hick Hack, viel Klein-Klein, wie man so schön sagt, viel Unsicherheit. Bezeichnend sind die beiden Chancen von Vukcevic, denen haarsträubende Fehler von Friedrich, respektive Adler vorausgegangen waren. Ich hätte ihm eine Kiste gegönnt. Ein ganz großer Spieler, dem der Torschuss wichtiger ist als ein geschindetes Foul.

Insgesamt wussten defensiv nur Hyypiä, Schwaab (vielleicht sein bestes Spiel bisher, das möchte ich schon hervorheben) und Reinartz zu überzeugen. Gerade letzterer hat gezeigt, wie man als moderner Sechser seinen Stammplatz verteidigt. Schade, dass der Schiri häufiger Fouls von ihm gesehen hat, wo meiner Ansicht nach keine waren. Doch wieso Vidal zur Pause nicht durch Rolfes ersetzt wurde, ist mir ein Rätsel. Dabei lag für ihn, wie in alten Zeiten, ständig die Gelb-Rote Karte in der Luft. Im Übrigen kam auch Helmes für mich zu spät. Wenn er Leistung zeigen soll um sich wieder heran zu kämpfen, muss er schließlich auch die Chance dazu bekommen. Heute, wo nach vorne nicht viel ging, wäre eine frühere Einwechslung durchaus im Rahmen des Möglichen gewesen. Doch “nicht viel” kann für ein Team mit diesem Lauf natürlich immer noch genug sein, um drei Tore zu schießen, daher hat Jupp die Argumente sicher noch immer auf seiner Seite.

Das Wenige, was offensiv stattfand, war teilweise aber mal wieder allererste Sahne. Barnetta, der in letzter Zeit unglaublich aufdreht, was Tempo und Kampfgeist angeht, leitete fast jede Aktion ein und wurde am Ende mit dem eigenen Tor belohnt. Leute, den Jungen hatte ich vor einem Jahr schon längst abgeschrieben. Asche auf mein Haupt.

Auch Reinartz, der, wie ich es wahrnahm, als einziger Spieler sowohl defensiv als auch offensiv stattfand, wusste zu gefallen. Seine Flanke  vor dem 3:0 war der wichtigste und schwierigste Pass im gesamten Spielzug. Wo andere blind zur Grundlinie durchgelaufen wären und dort den Ball ans Schienbein des Verteidigers gehämmert hätten, bremst er überraschenderweise auf Höhe der 16m-Linie ab und flankt auf den einzigen freien Mann in der Mitte. Der Rest ist ein Mix aus Gewurschtel, Eingespieltheit und Übersicht.

Und über Toni müssen eigentlich nicht mehr viele Worte verloren werden. Wer noch ernsthaft glaubt, der Mann würde die nächste Saison noch immer mit dem Kreuz auf der Brust auflaufen, kann nicht mehr alle Latten am Zaun haben. Nerlinger müsste hochkant rausgeschmissen werden, wenn er nicht alles daran setzt, ihn zurück zu holen. Nicht, dass Kroos das gesamte Spiel an sich reißen würde. Das macht dann tatsächlich eher Barnetta. Doch Kroos ist ein Meister der Effektivität. Ich möchte soweit gehen und behaupten: Kroos ist für uns so wertvoll wie Ballack 2001/2002. Natürlich haben beide gänzlich andere Spielanlagen, doch selten waren wir von der Effizienz eines Spielers so abhängig wie bei diesen beiden Typen. 15 Scorerpunkte in 19 Spielen, alleine 8 Scorerpunkte an den letzten vier Spieltagen, das sucht seinesgleichen.

Insgesamt sind es natürlich die positiven Aspekte, die man heute hervorheben muss, einfach deshalb, weil sie keinesfalls gewöhnlich sind, gerade für Bayer 04: Etwa, dass Spieler wie Schwaab, die eine eher durchwachsene Saison spielen, zur richtigen Zeit ihre Leistung abrufen, um andere Spieler, die heute morgen am besten im Bett geblieben wären, aufzufangen.

Nach solchen Spielen, wird man doch langsam zuversichtlicher, was die Chancen auf eine Meisterschaft (Hoppla, das verbotene Wort) angeht. Sogar ich. Beschissen spielen und 3:0 gewinnen, das hat schon etwas bajuwarisches.

Nachtgewäsch

Zu solch später Stunde kommen einem meist ja nochmal einige Gedanken – gesetzt den Fall, man ist wach und wenigstens halbwegs nüchtern¹ . Es handelt sich um Dinge, die man unbedingt noch schnell loswerden möchte, ehe man sich in die Falle haut. Gewissermaßen ist es bezeichnend und schockierend zugleich, dass sich auch um diese Uhrzeit meine Gedanken zu einem Großteil mit dem Thema Fußball beschäftigen. Im Folgenden wird nicht für den Zusammenhang einzelner Absätze garantiert. Da müssen wir jetzt durch.

Flauschige Pressekonferenzen und Akupu… wiebiddewas?

Habe ich schon mal erwähnt, dass die Pressekonferenzen am Freitag vor jedem Spiel sehenswert sind? Sicher, beim Bayer gibt es keine Action in bajuwarischen Ausmaßen. Es gibt keine Van Gaals, keine Trapattonis, erst recht keine Hoeneße und noch nicht mal Klinsis. In Leverkusen ist es eher… heimelig. Da sitzen geschätzte 10 bis 15 Journalisten im Presseraum während Pressesprecher Dirk Mesch und Trainer Jupp Heynckes zum gemütlichen Fußball-Talk bei Kaffee und Cola bitten.

Mit den Worten “Samma! … Also Pluspunkte ham se da nich mit gesammelt” und einem bösen Blick quittierte Heynckes Meschs Aussage als dieser das Hinrundenspiel gegen Hoffenheim als “müdes 1:0″ tituliert hatte. Da wird dann laut geschmunzelt unter den Journalisten. Und nun ja, das war in der heutigen PK dann auch schon der dramaturgische Höhepunkt. Ich finde das nicht schlimm. Im Gegenteil. Ich mag es so. Insbesondere seit Jupp Heynckes da ist, läute ich jedes Bundesligawochenende mit dem Konsum der obligatorischen Pressekonferenz ein. Man fühlt sich daheim. Geborgen in Jupps Obhut, der einem Wort für Wort die Ängste des nächsten Spieltags nimmt. Ob die Serie hält, ob die drei Ex-Patienten Unruhe ins Team bringen könnten, ob Simon Rolfes und Stefan Reinartz nicht auch nebeneinander spielen könnten. Letztendlich läuft die Antwort auf eine jede Frage immer auf ein “Machen se sich mal keine Sorgen, das geht schon alles seinen Weg” hinaus, doch die Souveränität und Gelassenheit der Antwort befriedigt alle Gemüter. Auf Platz eins argumentiert es sich sowieso einfacher.

Schön an diesen Pressekonferenzen ist auch, dass man hin und wieder Details erfährt, die von den meisten Journalisten bei späterer Berichterstattung entweder verschluckt oder als irrelevant eingestuft werden. Zum Beispiel erfährt man, dass die Muskelverhärtung Renato Augustos offenbar mit Akupunktur behandelt wurde. Nun fühlt sich der Dribbelkönig angeblich “wie befreit”. Eigentlich dachte ich ja, dass bei Bayer04 seit dem Wechsel von Tscholli keine Zauberei fragwürdigen Behandlungsmethoden mehr angewandt werden. Aber ich bin natürlich kein Mediziner und vielleicht auch falsch informiert. Daher möchte ich das jetzt auch nicht abschließend bewerten. Jedenfalls nicht persönlich (Ich bin selbstverständlich auch offen für weitere Informationen).


Hoffenheim hat nur noch ein Mittelfeld

Sonntag also gegen Hoffenheim. Der Punkt ist: Sonntag. Sonntag! Ihr wisst schon. Sonntag. Ich finde es grausam, wenn an Sonntagen gespielt wird. Nicht wegen der Fahrerei als Auswärtsfan oder Ähnlichem. Meine Arbeitszeiten sind flexibel genug, dass ich Montags auch mal ausschlafen kann, wenn eine Heimfahrt länger dauert. Davon abgesehen, dass ich es sowieso nur selten schaffe, auswärts zu fahren. Das Problem am Sonntag ist einfach, dass Sonntag nicht Samstag ist. Rationaler kann ich es nicht begründen. Außerdem habe ich das subjektive Gefühl, dass Sonntags viel öfter Nullnummern stattfinden. Aber sei’s drum. Immerhin können die Bayern dadurch morgen wieder für einen Tag Tabellenführer werden. Das sind sie immerhin inzwischen seit fast sieben Tagen nicht mehr.

Während wir nicht wissen, was wir mit unseren Qualitätsstürmern anfangen sollen, wird Hoffenheim übrigens ohne Sturm antreten². Ohne Abwehr sowieso. Aus Tradition. Statistisch gesehen kann es also nur auf ein 6:0 für Bayer hinauslaufen.

Der Fall Frings

Zum Schluss noch was ganz anderes: Der Trauerfall Frings. Was haben wir uns geärgert oder gelacht, weil andere sich so geärgert haben. Was haben wir philosophiert. Was haben wir kommentiert. Am besten, finde ich, fasst es aber Entscheidend is auf´m Platz zusammen.

Schönes Wochenende wünsch ich.

¹ Nun, viele Gedanken kommen einem natürlich auch wenn man breit ist. Oft sind diese sogar weitaus interessanter als jenes Geschreibsel hier. Ein Vorteil der Nüchternheit ist jedoch, dass man morgens nicht panisch zum Rechner hasten muss um herauszufinden, was man des Nachts noch für einen Driss ins Internet geschrieben hat.

² Der ist entweder verletzt oder spielt beim Afrika-Cup.

Als würde man bei Pro Evolution Soccer von “Top-Spieler” auf “Amateur” umschalten

So oder so ähnlich muss sich Sami Hyypiä vorkommen, nachdem er aus der englischen Premier League in die deutsche Bundesliga gewechselt ist. Ich will nach zwei Spieltagen ja nicht schon ausflippen, zumal nur der letzte richtig überragend war.

Dennoch hatte man am vergangenen Samstag ab und zu das Gefühl, Hyypiä fühle sich unterfordert gegen die Bambinis aus Hoffenheim. Tatsächlich hat es mit ihm auch mal wieder ein Leverkusener zum “Mann des Tages” beim Kicker geschafft: “Er steht da, wo andere hinlaufen (…)”, schreibt das Blatt richtig. Auch die 11 Freunde charakterisieren das Spiel des Finnen in ihrer nicht immer ganz ernst gemeinten “Elf des Spieltages” sehr zutreffend: “Fresse halten, dahin laufen, wo der Ball ist und einfach zum freien Mitspieler passen.”.

So einfach kann Fußball sein.

Das macht Hoffnung: Bayer 04 – TSG Hoffenheim 1:0

Untermalt von Marius Müller-Westernhagens “Wieder Hier”, öffnete die neue BayArena zum ersten Mal ihre frisch lackierten Pforten zu einem Pflichtspiel.

Auch ich konnte sie heute (na, gestern) das erste Mal aus nächster Nähe betrachten und muss sagen: Ja, doch. Ist hübsch. Obwohl ich die Flutlichtmästen vermissen werde.

Der zweite Eindruck war allerdings eher mau. Der Einlass ins Stadion beim C-Block lief noch ausgesprochen zähflüssig. Das Handling mit den BayArena-Cards lief erwartungsgemäß noch nicht reibungslos, was sich auch am Bierstand zeigte. Dort hätte es eventuell allerdings schon geholfen eine dritte Bude aufzustellen, statt zweien den Andrang einer ganzen Kurve zu überlassen. Zumal es nach dem Spiel auch noch Freibier gab. Aber ich bin mir sicher, dass sich das alles einspielen wird. Außerdem ging es ja nicht ums Saufen, sondern darum endlich wieder Fußball in heimischen Gefilden zu sehen. So denn:

Schön war das Spiel freilich nicht. Dennoch war es ein Spiel, nach dem wir uns in der vergangenen Spielzeit ein ums andere Mal die Finger geleckt hätten. Den Hoffenheimern war anzumerken, dass sie sich kein weiteres Mal vier oder fünf Dinger einfangen wollten und so standen sie tief und verhältnismäßig sicher in der eigenen Hälfte. Daraus resultierten gefühlte 80% Ballbesitz und vorerst dennoch nur zwei Chancen. Zunächst ein schöner, von Barnetta geschossener und von Hildebrand parierter Schuss aus der zweiten Reihe. Später ein Kopfball von Hyypiä, den zunächst Hildebrand mit der Hand regelgerecht und danach Carlos Eduardo, ebenfalls mit der Hand, dafür weniger regelgerecht, von der Linie wischten. Abhaken. In einer Saison gleicht sich alles aus. Sagt man.

Aber überhaupt: Hyypiä! Den Typen kannst du auch ins Tor stellen wenn Not am Mann ist. Man sollte meinen, es gibt keinen Ball, den er nicht mit dem Kopf erwischt. Er und Friedrich, der neben seinem finnischen Kollegen richtig aufzublühen scheint, waren ein wichtiger Grund dafür, dass Hoffenheim im kompletten Spiel lediglich zu zwei echten Chancen kam. Die restliche Zeit konnte Adler damit verbringen im Kopf knifflige Sodoku-Aufgaben zu lösen, in der Hoffnung wenigstens auf diese Weise bei Jogi Löw Eindruck zu schinden.

Was gabs sonst noch? Ach ja, das Tor. Ein gut aufgelegter, zu Recht gefeierter aber manchmal zu verspielt wirkender Renato Augusto schaffte es über die rechte Seite Eren Derdiyok freizuspielen, welcher, von Compper bedrängt, mit der Hacke auf Stefan Kießling, dem besten Offensivakteur auf dem Platz, weiterleiten konnte, der nur noch den Fuß hinzuhalten brauchte.

Hinten sicher stehen. Nicht immer spektakulär, dafür aber effizient spielen. Abwarten, auch wen das Tor in der Mitte der zweiten Hälfte noch immer nicht gefallen ist. Auch mal nur 1:0 gewinnen. Das ist nicht gerade die Art von Bayer 04 Leverkusen.  Aber die Art von Jupp Heynckes, dessen Handschrift schon recht deutlich zu erkennen ist. Natürlich ist noch mehr drin. Natürlich möchte ich auch wieder einmal eine schöne Kombination und etwas mehr Bayer’schen Hurra-Fußball sehen. Doch die Leichtigkeit kommt mit dem Erfolg. Wenn es sich so weiterentwickelt wie bisher, – so fern man nach drei Pflichtspielen eine Entwicklung ausmachen kann – ist einiges möglich. Das bedeutet nicht, dass man deutscher Meister werden muss. Das bedeutet auch nicht, dass man in die Champions League muss. Das bedeutet nicht mal, dass man zwangsläufig die Europliga erreichen muss. Aber das bedeutet zumindest, dass am nächsten Wochenende in Freiburg der nächste Dreier eingefahren werden muss. Auf, auf, Kameraden.

Update: Bei Kießlings Tor war es Compper, der Derdiyok bedrängte, nicht Simunic, wie ich ursprünglich schrieb.

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