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Wenn die Pillen Meister werden würden

Wenn Bayer 04 am 30. Spieltag nach einem hart umkämpften Sieg gegen den Tabellenzweiten FC Bayern München seinen Vorsprung auf eben jene auf fünf Punkte ausbauen würde, würdet Ihr, sofern ihr euch nicht Bayern-Fans schimpft, erneut skandieren, dass wir den Bayern gefälligst ihre Lederhosen ausziehen sollen. Man würde uns erklären, dass wir die Meisterschaft verdient hätten, weil wir den schönsten Fußball gespielten hätten. Zugleich würden einige von Euch an den folgenden Spieltagen aber zu behaupten wissen, dass wir nie deutscher Meister werden. Nie deutscher Meister. Und nochmal: Dass wir nie deutscher Meister werden.

Und wenn Leverkusen am vorletzten Spieltag gegen Hertha tatsächlich die Meisterschaft klar machen würde und Ihr dann feststellen würdet, dass in der 80. Minute beim 3:0 für Bayer 04 zwei Plätze auf dem Oberrang unbesetzt sind, dann würdet Ihr sagen: “Nicht einmal zur Meisterschaftsfeier bekommt ihr euer kleines Stadion voll.” Und wenn ein Teil von uns es dann schaffen würde den Rasen zu stürmen, würdet Ihr vermuten wissen, dass wir gekauft sind. Aber das würdet Ihr natürlich alles nicht so meinen.

Doch Ihr würdet Euch bestätigt fühlen, ob Eures Plastik-Bildes, das Ihr von Bayer 04 habt: Dadurch, dass aus den Stadionboxen lautstark Atzenmusik laufen würde, die naturgemäß nur während des Refrains von den Gesängen der Fans wird übertönt werden kann. Dadurch, dass der einzige vorzeigenswerte fußballfremde Prominente, der vor den Kameras die Meisterschaft feiern würde, Henry Maske sein würde. Dadurch, dass die Senioren und Seniorinnen in Leverkusen in der folgenden Nacht eine Stunde früher Nachtruhe finden würden, als es bei einer Meisterschaftsfeier in Dortmund der Fall wäre. Und dann würdet Ihr Euch noch, natürlich, darüber lustig machen, dass unser Rathaus keinen Balkon hat.

Die darauffolgenden Tage würden besonders an denen von Euch zehren, die Ideologen oder Traditionalisten sind. Und ganz besonders an denen, die sich Traditionalisten nennen, weil sie irgendwann mal gehört haben, dass ihr Verein ein Traditionsverein sei. Besonders dann, wenn Ihr auch gehört habt, dass die 100 prozentige Tochter der Bayer AG, die Bayer 04 Leverkusen Fußball GmbH, alles sei, bloß kein Traditionsverein. Wieder würdet Ihr erklären, dass Ihr den modernen Fußball nicht so dolle findet. Manche von Euch würden sich, nachdem der zweite Retortenclub hintereinander die Meisterschaft gewonnen hat, darin bestätigt fühlen, dass die guten Zeiten nun aber wirklich, also echt mal, vorbei sind.

Ihr würdet Euch ärgen, Euch über uns lustig machen und uns lächerlich finden.

Doch uns wäre das alles egal.

PS: Ich entschuldige mich für die vermutlich grässlich-falsche Verwendung der Konjunktive. Der Gebrauch des Indikativs wäre auch mir aus so nachvollziehbaren wie vielfältigen Gründen lieber gewesen.

Meckern unerwünscht: TSG Hoffenheim – Bayer 04 0:3

Ich hatte es ja gesagt: Hoffenheim tritt erneut ohne Abwehr an, wie das dritte Tor deutlich belegt. Ebenfalls vakant: Der Sturm. Dies wiederum zeigt die Anzahl der von Hoffenheim geschossenen Tore.

Doch schauen wir der Wahrheit ins Gesicht, so schwer es fallen mag. Dieser Sieg, gerade in solcher Höhe, ist mehr als schmeichelhaft und nur einigen wenigen Einzelkönnern zu verdanken, die da wären: Hyypiä, Schwaab, Reinartz, Barnetta und, na ja, ihr wisst schon wer (Ja genau, der schon wieder). Der Rest des Teams wirkte erschreckend fehleranfällig.

Insgesamt war es vielleicht das zerfahrenste Spiel, dass die Mannschaft in der bisherigen Saison abgeliefert hat. Viel Hick Hack, viel Klein-Klein, wie man so schön sagt, viel Unsicherheit. Bezeichnend sind die beiden Chancen von Vukcevic, denen haarsträubende Fehler von Friedrich, respektive Adler vorausgegangen waren. Ich hätte ihm eine Kiste gegönnt. Ein ganz großer Spieler, dem der Torschuss wichtiger ist als ein geschindetes Foul.

Insgesamt wussten defensiv nur Hyypiä, Schwaab (vielleicht sein bestes Spiel bisher, das möchte ich schon hervorheben) und Reinartz zu überzeugen. Gerade letzterer hat gezeigt, wie man als moderner Sechser seinen Stammplatz verteidigt. Schade, dass der Schiri häufiger Fouls von ihm gesehen hat, wo meiner Ansicht nach keine waren. Doch wieso Vidal zur Pause nicht durch Rolfes ersetzt wurde, ist mir ein Rätsel. Dabei lag für ihn, wie in alten Zeiten, ständig die Gelb-Rote Karte in der Luft. Im Übrigen kam auch Helmes für mich zu spät. Wenn er Leistung zeigen soll um sich wieder heran zu kämpfen, muss er schließlich auch die Chance dazu bekommen. Heute, wo nach vorne nicht viel ging, wäre eine frühere Einwechslung durchaus im Rahmen des Möglichen gewesen. Doch “nicht viel” kann für ein Team mit diesem Lauf natürlich immer noch genug sein, um drei Tore zu schießen, daher hat Jupp die Argumente sicher noch immer auf seiner Seite.

Das Wenige, was offensiv stattfand, war teilweise aber mal wieder allererste Sahne. Barnetta, der in letzter Zeit unglaublich aufdreht, was Tempo und Kampfgeist angeht, leitete fast jede Aktion ein und wurde am Ende mit dem eigenen Tor belohnt. Leute, den Jungen hatte ich vor einem Jahr schon längst abgeschrieben. Asche auf mein Haupt.

Auch Reinartz, der, wie ich es wahrnahm, als einziger Spieler sowohl defensiv als auch offensiv stattfand, wusste zu gefallen. Seine Flanke  vor dem 3:0 war der wichtigste und schwierigste Pass im gesamten Spielzug. Wo andere blind zur Grundlinie durchgelaufen wären und dort den Ball ans Schienbein des Verteidigers gehämmert hätten, bremst er überraschenderweise auf Höhe der 16m-Linie ab und flankt auf den einzigen freien Mann in der Mitte. Der Rest ist ein Mix aus Gewurschtel, Eingespieltheit und Übersicht.

Und über Toni müssen eigentlich nicht mehr viele Worte verloren werden. Wer noch ernsthaft glaubt, der Mann würde die nächste Saison noch immer mit dem Kreuz auf der Brust auflaufen, kann nicht mehr alle Latten am Zaun haben. Nerlinger müsste hochkant rausgeschmissen werden, wenn er nicht alles daran setzt, ihn zurück zu holen. Nicht, dass Kroos das gesamte Spiel an sich reißen würde. Das macht dann tatsächlich eher Barnetta. Doch Kroos ist ein Meister der Effektivität. Ich möchte soweit gehen und behaupten: Kroos ist für uns so wertvoll wie Ballack 2001/2002. Natürlich haben beide gänzlich andere Spielanlagen, doch selten waren wir von der Effizienz eines Spielers so abhängig wie bei diesen beiden Typen. 15 Scorerpunkte in 19 Spielen, alleine 8 Scorerpunkte an den letzten vier Spieltagen, das sucht seinesgleichen.

Insgesamt sind es natürlich die positiven Aspekte, die man heute hervorheben muss, einfach deshalb, weil sie keinesfalls gewöhnlich sind, gerade für Bayer 04: Etwa, dass Spieler wie Schwaab, die eine eher durchwachsene Saison spielen, zur richtigen Zeit ihre Leistung abrufen, um andere Spieler, die heute morgen am besten im Bett geblieben wären, aufzufangen.

Nach solchen Spielen, wird man doch langsam zuversichtlicher, was die Chancen auf eine Meisterschaft (Hoppla, das verbotene Wort) angeht. Sogar ich. Beschissen spielen und 3:0 gewinnen, das hat schon etwas bajuwarisches.

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