Über die Wahrhaftigkeit des Spielergebnisses -oder- Warum die Phrase “Am Ende zählen nur Tore” mehr als nur eine Platitüde ist
Das Ende einer jeden Halbserie bedeutet stets Trauer für den Fußballfreund. Doch des einen Leid ist des Anderen Freud. So bedeutet das Ende einer jeden Halbserie auch stets den Beginn einer wunderbaren Zeit für jeden Statistikfreund. Wohin man auch sieht, man wird mit Zahlen, Ranglisten und Balkendiagrammen nur so erschlagen. Bei der Betrachtung einer größeren Menge von Spielen (etwa einer Halbserie) kann dies sogar recht aufschlussreich sein. Doch selbst nach jedem einzelnen Spiel wird jeder Ballkontakt auseinander gepflückt, wodurch uns der Fußball erklärt werden soll. Nicht selten jedoch sind abstrakte und abgedroschen wirkende Phrasen präziser und seriöser als manche Statistik. Ob das sein kann? Natürlich, der Wetterbericht ist schließlich auch nicht immer besser als die Bauernregel.
Wenn die schlechtere Mannschaft das Spiel gewinnt
Wir schreiben den 25.02.2007. Leverkusen ist zu Gast bei Schalke 04. Es soll ein Spiel werden, das so bedeutsam für das Bild von Bayer 04 sein wird, wie lange zuvor und lange danach Keines mehr. Es soll das Spiel des René Adler werden. Er feiert auf Schalke sein Debüt, da Hans-Jörg Butt sich in der vorangegangenen Woche durch eine rote Karte selbst ins Aus schoss. Schalke dominiert das Spiel ab der 15 Minute, Bayer 04 kann kaum durchatmen. Wenige Minuten vor Schluss erzielt der eingewechselte Stefan Kießling das 1:0 für die Werkself, während Adler hinten die “Null” festhält. Am nächsten Tag wird der kicker ein Chancenverhältnis von 11:1 für die Schalker verzeichnen und René Adler zum “Mann des Tages” erklären.
Gut 1 1/2 Jahre später spielt Bayer Leverkusen am siebten Spieltag zu Hause gegen Hertha BSC Berlin. Vor dem Spiel steht Bayer Leverkusen auf dem zweiten Tabellenplatz. Natürlich war die Tabelle zu dieser Zeit noch nicht aussagekräftig, dennoch hatte der Bayer einen guten Lauf und mit 18:10 Toren die beste Tordifferenz der Liga. Und mit diesem Selbstbewusstsein treten sie auch auf. Berlin wird lange Zeit im eigenen Strafraum eingekesselt, der Sieg der Rheinländer scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Doch Drobny erwischt einen Sahnetag. Zwanzig Minuten vor Schluss werden die Leverkusener immer weniger zwingend und zunehmend nachlässiger. In der 89. Minute markiert der Ex-Leverkusener Andrey Voronin das 1:0 für die Hertha. Der kicker verzeichnet letztendlich ein Torschussverhältnis von 11:2 für Bayer 04 Leverkusen.
Beide Male standen am Ende drei Punkte für das schlechtere Team auf dem Papier. Beide Male hieß es am Ende, dass nächste Woche “eh keiner mehr fragt, wie das Ergebnis zustande gekommen ist”. Doch für jeden, den man innerhalb jener Wochenfrist fragte, stand auch beide Male fest, dass das jeweils schlechtere Team den Sieg für sich verbucht hatte.
Es gibt nichts, was man nicht in Zahlen ausdrücken könnte…
Für das Spiel gegen Schalke fehlt es mir leider an Aufzeichnungen. Doch dass mit Hertha BSC damals das schlechtere Team gewann, wurde umfassend und detailliert dokumentiert. So gewann laut bundesliga.de¹ Bayer Leverkusen 57% aller Zweikämpfe (52% in der Luft und 58% auf dem Boden) und hatte einen Ballbesitz von 61,5%. Während Leverkusen 79% ihrer 456 Pässe erfolgreich an den Mann bringen konnte, schafften die Berliner gerade mal eine Quote von 72% bei auch nur 283 Pässen. Und das ist noch nicht alles: Bayer Leverkusen bekam zwölf Ecken zugesprochen (die Berliner nur fünf) und wurde drei Mal im Abseits aufgefunden (zwei mal).
Diese Zahlenmasse lässt sich schier endlos erweitern und jede dieser Zahlen lässt sich bis auf ein kleinstes Teilchen zersplittern und analysieren. So könnte es für manch einen interessant sein, dass immerhin elf der 37 Leverkusener Flanken ihr Ziel erreichten, während kein einziger der 13 Versuche der Berliner zu einer brauchbaren Hereingabe taugte. Und nicht nur in der Gesamtheit des Spielfeldes hatte Bayer mehr Spielanteile, nein, auch wenn man die Mitte, die rechte und die linke Seite einzeln betrachtet, kommt man unweigerlich zu diesem Schluss.
Und doch waren es Arne Friedrich und Andrey Voronin, die den einen Weg, den einen Schlüssel, der das Spiel zu entscheiden vermochte, fanden. Manch einer mag versuchen diesen Wert, der in kaum einer Statistik auftaucht, “Effektivität” zu nennen und diese zu messen – und mag damit noch nicht einmal so falsch liegen. Doch wirklich gewürdigt wird diese Fähigkeit, mit möglichst wenigen Versuchen möglichst viele wertvolle Aktionen zu generieren, viel zu selten. Dabei ist es nicht immer, wie vielleicht im Spiel der Leverkusener gegen Schalke, die Kombination aus Unvermögen des Kollektivs und Genialität des Einzelnen, die ein Spiel “auf den Kopf stellen” kann, sondern häufig sogar eine Kunst, den Gegner in den Statistiken des nächsten Tages als überragenden Akteur des Spieles hinzustellen und selber die Punkte einzufahren.
Natürlich haben Adler und Drobny in den jeweiligen Spielen sensationell gehalten. Doch keiner der Torschüsse war unhaltbar, denn Unhaltbare² werden nun einmal – das liegt in der Natur der Sache – nicht gehalten. Die Torleute haben auch in diesen Spielen keine Magie angewandt. Sie haben es einfach geschafft, über 90 Minuten die Konzentration hoch zu halten und haben zu jedem Zeitpunkt die richtige Balance aus Ruhe und Entschlossenheit gefunden, kurz gesagt: Sie haben ihren Job gemacht. “Unhaltbare” Chancen gab es in diesen Spielen genau aus dem Grund nicht, weil die Defensivabteilungen sie nicht zugelassen haben. Die Abwehrreihen hatten gewiss nicht ihre besten Tage und selbstverständlich wären sie auch nicht traurig drum gewesen, die ein oder andere Chance mehr zu vereiteln. Und dennoch haben sie es geschafft, die goldenen Chancen zu vereiteln. Wenn man einen guten Keeper hat, reicht das manchmal. Am Ende kassieren diese Abwehrmänner in den einschlägigen Medien trotzdem ihre 4,5 gegen die man auch nicht so recht etwas einwenden möchte. Dies ist für mich ein Beispiel von Fehlinterpretation der Statistiken.
…und doch so viel.
Der Kommentator solcher Spiele erklärt am Ende regelmäßig, dass man nur gewinnen kann “wenn man Tore macht”, da ja schließlich “nur Tore zählen”. Diese Gedanken werden leicht ausgesprochen, wird doch schon im Moment der Aussage ihre Wahrhaftigkeit implizit verkannt. Denn insgeheim ist es nicht das, was man möchte. Man möchte, dass die Mannschaft belohnt wird, die Torchancen generiert, die aufwendig spielt. Man möchte, dass die Ergebnisse öfter “spielgerecht” sind, vergisst dabei jedoch, dass das Ergebnis sich selbst rechtfertigt und dass das eigene Gerechtigkeitsempfinden das Resultat einer irrationalen und persönlichen Definition ist. In einem Sport wie König Fußball, in dem hin und wieder sogar drei Eigentore des Gegners das Spiel entscheiden, fallen schlicht und ergreifend zu wenige Tore, als dass diese immer eine brauchbare Kenngröße für den Spielverlauf und den ihm zugrunde liegenden Statistiken sein könnten. Die Tore sind, wenn man so will, nur eine Kenngröße ihrer selbst. Damit will ich sagen: Der Sinn des Fußballs manifestiert sich einzig und alleine in den geschossenen Toren. Und das ist nicht einfach nur ein blöder Spruch.
Und um das festzuhalten: Die hier angesprochenen Spielstatistiken sind nicht unbedingt eine schlechte Sache. Jede Statistik sagt schließlich etwas aus. Eine seriöse Wissenschaft wird daraus aber noch lange nicht. Der Wert der Statistiken wird zuweilen maßlos überschätzt. Denn jede Statistik beschreibt nur einen Bruchteil des tatsächlichen Spieles. Die Torschussstatistik beispielsweise sagt nicht mehr und nicht weniger aus als: Team A hat so und so oft auf das Tor geschossen, Team B dagegen etwas weniger. Das war’s dann aber auch schon. Dass die Qualität der jeweiligen Torschüsse in dieser Statistik keine Beachtung findet, ist nur das offensichtlichste Problem dabei. Fußball ist nicht so einfach, als das es sich in Zahlen pressen ließe. Zumindest dann nicht, wenn es sich nur um eine endliche Menge von Statistiken handelt. Würde man alle erdenklichen Statistiken erstellen können und auswerten, das Spiel also komplett auf Zahlen abbilden, würde man aus dieser “Super-Statistik” ablesen können, wieso ein Team ein Spiel gewonnen oder verloren hat. In letzter Konsequenz bedeutete dies natürlich, dass jeder Sieger ein verdienter Sieger ist. Schimpft mich einen Romantiker, aber: So ist es ja auch.
Zufall oder Schicksal?
So phrasenhaft und paradox der folgende Satz erscheint: Eine gute Aktion, die nicht zum Torerfolg führt, ist keine gute Aktion. Und so sehr ein Trainer auch verzweifeln muss, wenn er sich folgenden Satz auf der Zunge zergehen lässt: Eine gute Taktik zeichnet sich nur dadurch aus, dass durch sie die Wahrscheinlichkeit auf gute Aktionen signifikant erhöht wird. Gute Aktionen entstehen durch individuelle Fähigkeiten, kurze gedankliche Aussetzer des Gegners und manchmal sogar Papierkugeln. Erzwungen werden können diese Aktionen durch Taktik aber nicht. Es handelt sich dabei aber weder um Zufälle (die Papierkugel lassen wir mal außen vor) noch um (Gott bewahre) Schicksal. Es handelt sich nur um den stetigen, 90 Minuten währenden Versuch die Gunst der positiven Ereignisse in die eigene und die Gunst der negativen Ereignisse in die gegnerische Richtung zu kippen. Wenn das einen stört, muss man sich Basketball, Handball oder eine beliebige Rückschlagsportart ansehen. Bei diesen Sportarten zerschießt ein “Glückspunkt” deutlich seltener alle Statistiken, einfach daher, weil er viel weniger zählt. Doch, wenn man sich Fußball ansehen möchte, dann ist genau diese Unberechenbarkeit und die Irrelevanz vergangener Spielszenen³ (also jener, die nicht mit einem Tor endeten) das, was einen reizt. Und wenn man das nicht einsehen möchte, hilft es nur sich damit zu trösten, dass sich “alles irgendwann ausgleicht”. Denn auch das ist mehr als nur eine Platitüde.
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¹Bzw. die Opta Sport Daten AG, die offenbar für die Statistiken von bundesliga.de verantwortlich ist.
²Jedenfalls wenn man von den echten Unhaltbaren spricht und nicht von denen, bei denen ein Torhüter mit schlechtem Stellungsspiel und guter Antizipation eine sogenannte Glanzparade provoziert.
³Keine Spielszene ist gänzlich irrelevant, wird doch durch jede schöne, wenn auch erfolglose Aktion, mit Sicherheit die eigene, wie auch die gegnerische Psyche direkt oder indirekt (durch die Stimmung des Publikums) beeinflusst, was sich auf zukünftige Szenen und somit auch auf den Spielausgang auswirken wird. Das steht außer Frage.
